Samstag, 25. Dezember 2010

Fröhliche Weihnachten

Aus ganz verschiedenen Gründen wird Weihnachten als ein frohes Fest gefeiert. Die Kinder freuen sich auf bzw. über die Geschenke. Die Großen freuen sich über ein paar Tage frei, herrliches Winterwetter oder über das Familienfest des Friedens und der Harmonie. Und gelegentlich fällt der eine oder andere Grund zum weihnachtlichen Frohsinn auch weg. Doch ein Grund zur Freude bleibt: Gott kommt zu uns. Das ewige Licht erhellt unsere Dunkelheit. “Die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes erschien” - wie es in einer der biblischen Lesungen zu Weihnachten heißt aus dem Titusbrief (Tit 3, 4 -7).

Ich wollte wissen, ob ich noch Predigten schreiben kann nach der langen Pause. Da habe ich es mit einer Weihnachtspredigt versucht. Gehalten habe ich die Predigt dann nur im Familienkreis, denn mehr kann ich mir beim jetzigen Stand der Rekonvaleszenz nicht zutrauen. Und das war schon aufregend genug. So gab es für mich noch zusätzliche Gründe für ein fröhliches Weihnachten.  Ich konnte zu Hause sein und mit der Familie feiern. Was sonst so selbstverständlich klingt, erscheint dieses Jahr als ein Wunder. Es hätte auch ganz anders kommen können. Mit den Erlebnissen des letzten halben Jahres erscheint Weihnachten zu Hause und einigermaßen gesund als ein großartiges Geschenk. Ich hätte Weihnachten auch in einer Klinik verbringen können mit dem Infusionsschlauch am Arm wo “Stille Nacht” vom Surren der Infusionspumpe unterbrochen wird. Es hätte auch ein Weihnachten zu Hause geben können mit der Aussicht bald danach wieder in der Klinik antreten zu müssen. Es hätte sich die Furcht vor den Ergebnissen des nächsten Arztbesuchs wie ein Schatten über die Weihnachtsfreude legen können wie bei so manchem, der mit dem Krebs leben muss. Und auch dann wäre Weihnachten das Christfest geblieben, das Fest an dem wir erinnert werden, dass Christus der Retter gekommen ist, um uns herauszuholen aus einer kranken und todverfallenen Welt.

Doch Gott hat es geschenkt, dass für mich die Behandlungen einschließlich Kur noch vor Weihnachten abgeschlossen sind. Alle Untersuchungsergebnisse geben Grund zur Hoffnung, dass die Behandlung erfolgreich war und nicht mit einer Wiederkehr der entarteten Zellen zu rechnen ist. Die Gymnastikstunden in Turnhalle und Schwimmbecken bei der Reha haben dafür gesorgt, dass die Muskeln wieder aufgebaut werden, die in den vielen Wochen im Bett verschwunden waren. So kann ich mich freuen, wie die Lichter des Weihnachtsbaums sich in den Augen unserer Kinder spiegeln - und darüber amüsieren, mit welcher Hartnäckigkeit die kleinen Kinderhände ungeschickt nach den bunten Glaskugeln greifen. Nur meine Frau findet den Entdeckungseifer in dem Fall nicht erfreulich. Nun, ich hatte ihr gleich gesagt, dass wir den Baum untenherum dieses Jahr besser kahl lassen.

Allen, die ganz normal Weihnachten feiern nach einem ganz normalen Jahr, wünsche ich, den Glanz der kleinen Dinge neu zu entdecken und das ewige Licht nicht aus dem Blick zu verlieren.

Dienstag, 23. November 2010

Kurmuffel

Reha oder Kur oder ganz amtlich “Anschlussheilbehandlung” - so heißt die Veranstaltung, die mich in den nächsten drei Wochen beschäftigen wird. Morgen geht’s los. Beim Kofferpacken fühle ich mich etwas ratlos, weil ich mir kaum vorstellen kann, was mich in Neutrauchburg erwartet. Viele schwärmen von Kuraufenthalten wie von Urlaubsreisen. Doch Ende November hält sich der Charme auch von ausgewählten Kurorten hier im Allgäu vermutlich in Grenzen. Wenn die Kur noch bis Mai warten könnte und ich dann an die Nordsee oder auf die Insel Rügen fahren würde, wäre ich vermutlich begeistert. Statt dessen schaue ich auf den Packzettel und vermute hinter Turnschuhen (mit weißen Sohlen!), Trainingsanzug und festem Schuhwerk ein Programm von Turnstunden, die mir schon in der Schule ein Graus waren. Ob ich mich für Gesprächsgruppen mit Gruppendynamik und Ergotherapie mit Bildermalen oder Körbeflechten begeistern kann - mal sehen. Meine Frau empfiehlt Ausdruckstanz und einen Kochkurs.

Inwieweit ich telefonisch erreichbar sein werde, wird sich zeigen. In den Unterlagen wurde ein strenges Handy-Verbot auf dem gesamten Klinikgelände erwähnt. Nachdem selbst in den Krankenhäuser neuerdings handyphoniert werden darf, klingt mir diese Regelung etwas antiquiert. Ob ich die hauseigene Telefonanlage sponsern oder zivilen Ungehorsam üben werde, könnt ihr gerne austesten.

Sogar der Rasierer ist aufgeladen und muss mit, denn - oh Wunder - es zeigen sich erste Ansätze von Haarwachstum. Die Augenbrauen färben sich dunkel und auf der Oberlippe deutet sich vorsichtig ein Bärtchen an. Über den Augen das darf wachsen aber mit einem Oberlippenbart lässt mich meine Frau nicht wieder nach Hause. Also wird rasieren geübt. Jetzt bin ich noch gespannt, in welcher Farbe sich die neuen Haare auf dem Kopf zeigen werden - ganz in Grau oder verjüngt und dunkel, wie das ja auch gelegentlich passieren soll.

Nicht einpacken konnte ich meinen Reise-Computer. Der wurde nach einem Defekt von der Service-Abteilung eines großen japanischen Elektronik-Herstellers noch nicht zurückgesandt. Was lange währt wird gut, so hoffe ich. Aus dem Grund werde ich zunächst die Zeit nicht - wie ich ursprünglich geplant hatte - zum bloggen nutzen können. Bleibt zu hoffen, dass ich über das Wochenende nach Hause kommen kann. Dann werde ich hoffentlich das frisch reparierte Netbook nächste Woche mitnehmen und viel tippen können. Vielleicht finde ich die Zeit und Energie um die alten Lücken in meinem Blog schließen zu können, für die es bisher nur die Überschriften gibt.  Natürlich schließe ich die Möglichkeit nicht aus, dass sich der Kurbetrieb kurzweilig genug zeigt, um neue Ideen für Blogeinträge zu liefern.

Sonntag, 21. November 2010

Ewigkeit im Herzen - und in den Genen

In den evangelischen Gottesdiensten wurden heute am Toten- oder Ewigkeitssonntag die Namen der Verstorbenen des vergangenen Jahres verlesen. Sie sind uns vorausgegangen in die Ewigkeit. In vielen Fällen beendete irgend eine Form von  Krebs das Leben. Das ist der Gang der Dinge - so habe ich bisher gedacht. Doch in diesem Jahr wäre mein Name beinahe mit verlesen worden. Ein kleiner Fehler der Ärzte hätte ausgereicht.

Welche Gefühle und Gedanken weckt die Erinnerung an die Ewigkeit? "Ewigkeit" macht kein kurzweiliges Thema für den Stammtisch und es kann die Stimmung auf einer Party ruinieren. In einem alten Kirchenlied zum Ewigkeitssonntag heißt es: "O Ewigkeit, du Donnerwort!" Die Erinnerung an den Tod und was danach kommt, weckt uns auf aus dem Alltagstrott wie ein plötzliches Donnergrollen an einem heißen Sommertag. Einmal werde ich mich verantworten müssen vor dem Schöpfer und Herrn der Welt. Dann werde ich auch die Rechnungen begleichen müssen, um die ich mich hier in diesem Leben gedrückt habe.

"Ach, mit dem Tod ist alles aus!" so verdrängt man die donnernde Stimme, die uns mahnt: "Bist du bereit für die Ewigkeit?" Oder man schiebt den Gedanken auf die lange Bank: "Darum kümmere ich mich, wenn ich alt geworden bin!" Aus dem Ewigkeitssonntag wurde auf diese Weise der Totensonntag. Man erinnert nicht so gern an die Ewigkeit, sondern schaut zurück auf das Leben der Verstorbenen und auf Glück und Leid, das sie durchlebten. Doch die Mahnung der Ewigkeit lässt sich nicht verdrängen. Gott hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt - so heißt es im Prediger Salomo (Pred 3, 11). Tief in unserem Denken liegt das Wissen verwurzelt: Die siebzig oder achtzig Jahre auf diesem Planeten können nicht alles sein. Es muss noch mehr geben.

Eine Generation nach dem Lied "O Ewigkeit, du Donnerwort!" nahm sich Kaspar Heunisch das Lied von Johann Rist erneut vor und dichtete es um. "O Ewigkeit, du Freudenwort" sang er. Und beides ist wahr. Zwischen beiden Liedern liegt die Begegnung mit Jesus. Im Licht seines Kreuzes erscheint die Ewigkeit nicht mehr als der Ort der Strafe. Jesus hat mit seinem Tod am Kreuz das Sühnegeld bezahlt und die Tür zum Paradies wieder geöffnet. Im Vertrauen auf ihn  bedeutet "Ewigkeit" nicht mehr: "Ich werde büßen müssen!" Für alle, die an Jesus glauben bedeutet Ewigkeit: Ich darf bei Gott leben. Jesus schenkt mir ein gültiges Visum für ein Land ohne Leid und Not, ohne Tumore und langsames Sterben.

Gott hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt. Unser Herz weiß um das Leben ohne Ende nach dem Tod. Und vielleicht kann man im Hinblick auf so viele Fehlschläge in der Krebsforschung und -behandlung sagen: Gott hat die Ewigkeit auch in unsere Körperzellen und Gene gelegt. Bisher konnte weder der Grund für das Altern des Menschen gründlich aufgeklärt werden noch die Ursache für das wilde, zerstörerische Zellwachstum in Tumoren. Einerseits altern Körperzellen und sterben ab und mit ihnen wird der gesamte Organismus dem Altern und Sterben unterworfen. Andererseits beginnen gerade im Alter einige Körperzellen wild zu wachsen und entziehen sich der Steuerung des gesunden Organismus - mit ebenso zerstörerischen Folgen. Die Ursachen konnten bisher kaum erforscht werden und damit bleiben die Möglichkeiten zur Heilung begrenzt. Es mag unwissenschaftlich klingen - doch vielleicht lässt sich hier erkennen, dass wir an die Grenze stoßen zur Ewigkeit. Ursprünglich waren unsere Körper gemacht für die Unsterblichkeit. Doch dann wurde gewissermaßen eine Sperre eingefügt. Damit sind unsere sterblichen Hüllen der Vergänglichkeit unterworfen. Erst in der Ewigkeit, erst nach dem Tod werden wir einen unsterblichen Körper wiederbekommen.

Hier liegt der Trost für alle Krebskranken und -opfer, für die die Medizin noch keine Hilfe bieten kann. Krankheit und Tod bilden in unserer Welt das Tor zum Leben ohne Ende - zur Ewigkeit. Dieser Gedanke lässt sich denken, denn Gott hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt. Doch der Gedanke fällt mir schwer. Zu sehr klebe ich an diesem Leben. Zu schnell überwältigt mich die Furcht vor dem strafenden Gott, dem ich in der Ewigkeit begegnen werden. Zudem fällt es schwer, an Gottes Vergebung zu glauben und an die Eintrittskarte für die himmlische Festtafel, die Jesus uns ganz umsonst schenken will.

In der letzten Strophe eines Abendliedes heißt es: "O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne." Es braucht Gewöhnung, dass ich meine Tage gehen kann mit einem sehnsuchtsvollen Blick auf die Ewigkeit.  Es mag ironisch klingen - aber eine Krankheiten wie Krebs kann helfen bei diesem Gewöhnungsprozess. Diese Diagnose mahnt unüberhörbar: deine Tage sind gezählt. Um so mehr freue ich mich über die Hoffnung, an die der Ewigkeitssonntag erinnert. Die Tür zu Gottes ewiger Welt steht offen. So viele sind mir bereits im Glauben vorausgegangen. Einmal werden auch ich die Pracht und Herrlichkeit sehen können, die Gott für seine Kinder vorbereitet hat. Mit dieser Hoffnung vor Augen, kann ich dankbar die Tage leben, die Gott mir noch auf dieser Welt gibt. Durch das Können der Ärzte und durch die Möglichkeiten der modernen Medizin habe ich möglicherweise noch einige Jahre oder sogar Jahrzehnte hinzu geschenkt bekommen. Das ist Zeit, die ich nutzen kann für die Aufgaben, in die Gott mich stellt. Aber die Hoffnung und Sehnsucht greifen weiter voraus, dorthin wo ich in der Ewigkeit zu Hause sein werde. Und sollte diese Krankheit wiederkommen oder eine andere sich einstellen, dann rückt die Reise nach Hause näher.

Mittwoch, 3. November 2010

Von Hämoglobinwerten und Adlersflügeln

Vertreiben sich Fremde die Zeit mit einer Diskussion über ihre Blutwerte, dann sitzt man vermutlich im Wartezimmer einer onkologischen Arztpraxis. Ich höre mir an, wie es den beiden Damen neben mir ergangen ist mit Hämoglobinwerten unter acht. “Man fühlt sich den ganzen Tag lang schläfrig und antriebslos und in der Nacht will sich der Schlaf nicht einstellen, weil man am Tag zu viel geschlafen hat.”  So kenne ich das auch und beschließe mitzureden. “Ja, man fühlt sich wie im Hochgebirge auf über 3000m.” Damit können die Damen nichts anfangen. Noch ein Versuch: “Ich schleiche durch die Wohnung wie ein 80jähriger.” Das findet zumindest die eine nicht lustig, da sie dem Augenschein nach von diesem Zustand nicht mehr weit entfernt ist - auch ohne Blutarmut. Also gut, dann verlege ich mich wieder auf das Zuhören. Die eine Dame erläutert ihre Lösung für das Problem. Von Bekannten wurde ihr ein Kristall empfohlen. Jetzt trägt sie diesen Stein an einer Kette immer um den Hals - und siehe da, ihre Hämoglobinwerte pendelten sich bei gesunden dreizehn ein. Was soll man davon halten? Hat ihr Körper tatsächlich auf den Kristall reagiert? Ist es der Glaube an die Macht der Kristalle, der für schnelle Blutbildung sorgt oder wären ihre Blutwerte auch ohne den Stein wieder gestiegen? Rings um die Diagnose Krebs blüht der Aberglauben. Je auswegloser die Lage erscheint, desto mehr vertraut man auf Wunderheilmittel.

Ich habe bei zu geringen roten Blutkörperchen bisher auf das Mittel der Ärzte vertraut - Bluttransfusion. Zwei Beutel mit “Erythrozyten” als Infusion in den Blutkreislauf erfordern zwei Stunden sitzen und warten, bis der rote Saft in die Venen getropft ist. Das bewirkt Wunder. Plötzlich kommt die Kraft zurück und man fühlt sich von früherem Tatendrang eingeholt. 

Eine solche Bluttransfusion erinnerte mich an Worte aus dem Propheten Jesaja, in denen neue Kraft beschrieben wird mit einem Bild aus der Natur.
  •  Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden. (Jes 40, 30-31)
Das Vertrauen auf Gottes Hilfe und Führung kann neue Kraft schenken, die in die Höhe fliegen lässt wie auf Flügeln von Adlern. Von dort oben, erscheinen unsere Sorgen und unlösbaren Probleme dann klein und leicht zu überwinden. Was aber wenn eine unheilbare Krankheit das Leben zerstört? Was helfen dann noch die Flügel von Adlern? Was ändert das Vertrauen auf Gott, wenn er offenbar doch nicht eingreift in das zerstörerische Werk der Natur? Die Adler fliegen so hoch, dass sie über die Berge schauen können, die uns am Horizont den Blick verstellen. Die auf den HERRN harren, schauen im Glauben hinüber. Sie wissen von der Freude, die Gott uns nach diesem Leben in der Ewigkeit schenken will, in einer Welt ohne Mühsal und Leid, ohne Krankheit und Tod. Mit diesem Blickwinkel verlieren die Leiden dieser Zeit ein Stück ihrer Schrecken.

Dann bin ich dran mit der Blutkontrolle und bekomme eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Gute bezieht sich auf die weißen Blutzellen - die sind wieder da und am Steigen. Meine Immunabwehr kommt also wieder in Gang. Die schlechte Nachricht: der Hämoglobinwert liegt auf glatt sieben. So tief war er lange nicht. Damit ist klar, warum ich mich so schlapp fühle. Mitten in der Chemotherapie wäre jetzt eine Bluttransfusion angesagt gewesen, um schnell fit zu werden für den nächsten Hammer. Jetzt, nach der Chemo, drängt der Arzt nicht zu solchen Mitteln. Da ich vor der letzten Bluttransfusion tatsächlich den Zettel mit den Risiken und Nebenwirkungen gelesen hatte, bin ich auch nicht scharf drauf. Also wird’s nichts mit den Adlersflügeln für diesmal - jedenfalls nicht mit denen aus der Blutkonserve.

Montag, 1. November 2010

Umzug

Die letzten Beutel und Taschen stopfe ich im Kofferraum unseres Autos unter die Decke und auf der Rücksitzbank zwischen die Kindersitze. Hier passt nichts mehr rein. Der Nachbar beobachtet die Pack-Aktion und fragt neugierig, ob wir noch Platz für die Kinder gelassen hätten. Haben wir und die Kinder sitzen auch schon in ihren Babysitzen. Dann kann es endlich losgehen.

Für meine Frau ist es ein schwieriger Abschied. Fast ein halbes Jahr hat sie mit den Kindern jetzt hier im Schwarzwald im Haus ihres Bruders und in ihrer alten Heimat gewohnt. Sie konnte manche alten Bekanntschaften auffrischen und hat in diesem schwierigen Sommer viel Hilfe erfahren. Die Kinder haben hier gelernt sich hinzusetzen und auf allen Vieren die Stube zu erobern. Der Opa hat eifrig begonnen Sohnemann durch den Flur laufen zu lassen - gestützt von zwei Händen natürlich. Meiner Frau und ihrer Familie fällt der Abschied schwer.

Ich will nur weg. Schade, aber für mich schmeckt hier alles nach Chemo. Wenn ich aus der Klinik kam, musste ich das Bett hüten und konnte kaum etwas essen. Mit den Kindern spielen war kein Vergnügen und ging über die Kräfte. Wenn es mir wieder besser ging, war bald der nächste Block Chemo fällig. Ich hoffe, diese Erinnerungen werden nicht für immer mit der Nagolder Gegend und der Familie dort verbunden bleiben. Aber für heute muss ich weg, weit weg.

Es ist schon längst dunkel, als wir mit schreienden Kindern im Allgäu ankommen. Für die nächsten Tage wird unsere Wohnung wie eine Karawanserei aussehen. Die doppelte Haushaltsführung hat so einiges an zusätzlichem Küchengerät gebracht. Die Kinder “helfen” in den nächsten Tagen mit Begeisterung beim Auspacken und Einräumen.

Montag, 25. Oktober 2010

“Wir haben Sie geheilt!”

“Wir haben Sie geheilt!” Das waren die Abschiedsworte des Stationsarztes. “Seine Worte in Gottes Ohr!” denke ich zuerst. Dann sollte ich eigentlich vor Freude tanzen und die ganze Welt umarmen. Ich werde als geheilt entlassen. Doch mir ist nicht nach Jubel zumute. Vielmehr kann ich kaum die Kraft aufbringen, um aus dem Bett zu kommen. Es gibt da offenbar einen Unterschied zwischen “geheilt” und “gesund”. Wenn ich nicht schon aus Erfahrung wüsste, dass die unmittelbaren Nebenwirkungen der Chemo bald nachlassen werden, würde ich noch ein paar Tage im Krankenhaus bleiben.  Man kann getrost sagen, dass mich die Ärzte mit ihrer Behandlung in dieser Woche mal wieder so richtig krank gemacht haben. Das ist der erste Eindruck. Doch der äußerliche Eindruck täuscht. Die Ärzte haben mich in sofern geheilt, dass sie die Krebszellen abgetötet haben mit ihren Medikamenten (hoffentlich alle, sodass sich keine erneut vermehren können). Was mich jetzt krank macht, sind allesamt Nebenwirkungen der Chemo. Die Zeit muss jetzt die vielen kleinen Wehwehchen heilen oder die Reha (“Anschlussheilbehandlung”) Ende November. Bis ich wieder gesund bin, können noch Monate in’s Land gehen.

Trotzdem, wenn die Worte des Stationsarztes eine Art Abschlussdiagnose darstellen, dann gibt es viel Grund zur Dankbarkeit. Dankbar bin ich für die Kunst der Ärzte und die Betreuung in der Klinik. Dankbar bin ich für die vielen kleinen Handgriffe der Schwestern, die dafür gesorgt haben, dass die Infusionen richtig liefen. Vor allem gilt der Dank Gott, meinem Ober-Arzt. IHM danke ich, dass er die Hand der Ärzte bei allen Entscheidungen geführt hat und dass es zu keinen Komplikationen und Zwischenfällen gekommen ist, die eine erfolgreiche Behandlung verhindert hätten. IHM kann ich auch die Sorge anvertrauen, ob wirklich alle Krebszellen abgetötet werden konnten und dass die Krankheit nicht erneut ausbricht.

“Wir haben Sie geheilt!” Da schwillt die stolze Brust des Mediziners und sie können ja wirklich stolz sein. Durch das Können der Hämatologen ist Blut- oder Lymphknotenkrebs nicht mehr das Todesurteil, der er noch vor einer Generation war. Doch dieser Stolz bekam in den letzten Tagen einen faden Beigeschmack. Die Ärzte wollen mich nicht gehen lassen. Es stehen noch einige Behandlungen und Nachuntersuchungen an, die ambulant durchgeführt werden. Dazu hatte ich auf eine Überweisung aus Sindelfingen zu einem Arzt in der Nähe unseres Wohnortes gehofft. Doch die Überweisung blieb aus. Als ich mich selbst um eine Arztpraxis in Wangen kümmerte, war die Reaktion der Krankenhausärzte eher frostig. Sie scheinen allen Ernstes zu erwarten, dass ich wegen der ambulanten Termine jeweils die 250 km vom Allgäu nach Sindelfingen fahre, wenn ich diese Untersuchungen auch mit 2 km Fahrweg vor Ort haben kann. Da scheint unter den Ärzten noch echte Kleinstaaterei zu herrschen.

Ich darf nach Hause. Die nächste Woche über werden wir noch im Schwarzwald wohnen, wo Frau und Kinder für die vergangenen Monate eine vorübergehende Bleibe bei der Verwandtschaft gefunden haben. Und bald können wir ganz zurück in unser zu Hause in Wangen. Für die nächsten Wochen gilt allerdings erstmal die Warnung des Chefarztes: “Werden Sie nicht leichtsinnig!” Die Immunabwehr des Körpers wird auch diesmal wieder in den nächsten Tagen zusammen brechen. Die  Gefahr einer Infektion besteht auch nach der letzten Chemo. Trotzdem: Die Ärzte gehen davon aus, dass sie den Krebs geheilt haben. Gott sei Dank!

Montag, 18. Oktober 2010

Chemo Nr. 6

Zwei Wochen in der Freiheit gingen viel zu schnell vorüber. Die erste Woche verbrachten wir in Wart im Schwarzwald bei Claudias Bruder. Die Ärzte wollten, dass ich noch in der Nähe der Klinik bleibe. Claudia hatte nicht nur einen kranken Mann zu versorgen, sondern auch kranke, verschnupfte Kinder. In der zweiten Woche habe ich mich für die Blutkontrolle in Wangen angemeldet in der Praxis, die vielleicht für die nächsten Jahre die Nachsorge übernehmen kann.
Das letzte Wochenende brachte einiges an Abwechslung. Pastor Kubitschek kam zur Vertretung in den Süden. So hatten wir einen Gottesdienst in Vorarlberg und Gäste zur Übernachtung und am Sonntag noch einen Gottesdienst mit zwei Taufen in Stuttgart. Für einen routinierten Pastor bringt es eine ganz eigene Erfahrung, wenn man in der Kirchenbank sitzt. Eigentlich wäre es ja meine Aufgabe  - und meine Freude - gewesen, die Kinder zu taufen. Immerhin wurde ich gebeten, das Patenamt zu übernehmen. Man scheint doch damit zu rechnen, dass ich noch ein paar Jahre gesund sein werde ;-)

Heute geht's wieder in die Klinik zum nächsten Block der Chemotherapie. Diesmal ist's das letzte Mal. Endspurt sozusagen. Gott kann es schenken, dass die letzten Infusionen auch die letzten lebenden Krebszellen abtöten, die möglicherweise bis jetzt überlebt haben.

Wenn ich in einer Woche nach Hause komme, werde ich vielleicht schon keine PICC-Line mehr an meinem Arm haben (der Schlauchanschluss für die Infusionen). Dann könnte ich theoretisch wieder schwimmen gehen und nachholen, was ich im Sommer verpasst habe. Nur, dass jetzt die Blätter fallen und die Herbstnebel nicht mehr zum Badengehen einladen.

Montag, 4. Oktober 2010

Fachchinesisch

Rituximab, Vincristin, Methotrexat, Dexamethason, Cyclophosphamid, Doxorubicin, Cytarabin - so liest sich im Arztbrief die Liste der Medikamente, die mir im Verlauf der letzten Woche in die Adern gepumpt oder in das Gehirnwasser gespritzt wurden. Beim Reigen so klangvoller Namen kann man ja nicht anders als gesund werden. Nunja, die meisten dieser Medikamente - oder sollte ich “Gifte” sagen - gehören zur Gruppe der Zytostatika. Was sie tun, kann der Arzt offenbar dem Laien nicht wirklich erklären. Wer genauer nachfragt, bekommt Hinweise auf die Mechanismen in den Zellen, die bei der Zellteilung die Erbinformation (DNA) verdoppeln und an die neu entstehenden Zellen weitergeben. Die Medikamente der Chemotherapie greifen an verschiedenen Stellen in diese Mechanismen ein, um die Verdopplung der DNA zu vereiteln und so die Zellteilung zu verpfuschen. Was übrig bleibt wird über die Nieren und den Gang zum Örtchen ausgeschieden. Um diese Ausscheidung am Laufen zu halten, gab es in der vergangenen Woche zudem noch literweise Infusionen mit Kochsalzlösung und Zuckerwasser. Der Cocktail von so vielen verschiedenen Medikamenten wird notwendig, weil die Krebszellen schlau sind. Einige entwickeln die Fähigkeit, die auf sie abgefeuerten tödlichen Gifte zu erkennen. Wie mir der Arzt sagte, bauen sie “Pumpen” an ihre Zellwände, die das Gift nach draußen befördern. Das gelernt und überlebt, werden die Zellen resistent - also unempfindlich gegen ein bestimmtes Mittel. Da die gelernte Information an die Tochterzellen weitergegeben wird, können sich ganze Stämme von Krebszellen bilden, denen eines der Mittel nichts mehr anhaben kann. Daher hilft zum Auslöschen der Krebszellen, wenn bald noch ein ganz anders geartetes Gift hinterherkommt, dass hoffentlich nicht auch entdeckt wird und doch zum Absterben der schlauen Krebszelle führt.

Dummerweise hören nicht nur die Krebszellen auf die Totenglocken der Zytostatika. Alle Körperzellen, die gerade wachsen, sind betroffen - auch die ganz normal wachsen sollen. Die Haare können nicht mehr weiter wachsen und fallen aus. Daran erkennt man ganz offensichtlich Chemo-Patienten. Aber auch Schleimhäute leiden unter dem Dauerbeschuss. Die Zunge wird taub und auch das beste Essen schmeckt wie Gummi mit Seife. Wenn es dumm kommt, bilden sich wunde, schmerzende Stellen im Mund und im Rachen. Dagegen hilft nur mehrmals täglich eine peinlich genaue Mundhygiene. Der Magen will nicht mehr und schickt die Kalorien retour. Auch die Darmschleimhäute bekommen ihr Teil und verweigern den Dienst. Die Fingerkuppen werden wund, sodass die Tastatur des Computers nur noch mit langen Fingernägeln bedient werden kann. Manchmal ziehen die Kuppen der Zehen nach, sodass man keine Schuhe mehr anziehen kann. Davor bin ich bisher allerdings verschont geblieben. All das sind für den Arzt kleine Wehwehchen und es gibt eine Spritze hier oder eine Salbe da und man kann sich trösten mit der Hoffnung, dass es in einer oder zwei Wochen wieder besser gehen wird.

Der eigentliche Ärger, den auch die Ärzte mit wachem Auge beobachten, kommt an anderer Stelle: Auch die Bildung neuer Blutzellen gerät aus dem Gleichgewicht, sodass es bald an weißen Blutkörperchen mangelt oder auch an den roten oder dass Blutplättchen fehlen und noch so einige andere Bestandteile einer gesunden Blutbildung. Das kann lebensbedrohlich werden. Das Immunsystem versagt seinen Dienst (die weißen Blutkörperchen), es kann zu unkontrollierten Blutungen kommen (die Blutplättchen) und das Atmen fällt schwer (die roten). Um diese Entwicklung zu begleiten und ggf. Gegenmaßnahmen einzuleiten, ruft man mich auch nach der Entlassung aus der Klinik zwei Mal in der Woche zur Blutkontrolle zurück ins Krankenhaus. Neulich las ich, dass es wohl bis zu einem halben Jahr dauern kann, bis sich all diese Verschiebungen wieder normalisiert haben.

Der weitverbreitete Zelltod im Körper nach einer Chemo-Behandlung bewirkt die allgemeine Kraft- und Mutlosigkeit, die die Chemotherapie zu einer Rosskur macht, die wohl nur zu ertragen ist mit der festen Hoffnung, dass Heilung am Ende der Behandlung steht. Ich kann gut verstehen, wenn Krebskranke Chemotherapien abbrechen oder ganz verweigern, wenn es doch keine Hoffnung auf Genesung gibt. Was ist schwerer zu ertragen: der schleichende Tod, den ein Tumor mit seinen Metastasen bringen kann oder eine Behandlung, die Schritt für Schritt auch das Lebenslicht ausbläst? Kommende Generationen werden möglicherweise zurückblicken auf die Chemotherapien unserer Zeit wie wir auf Aderlass und Blutegel im Mittelalter. Man wird vielleicht den Kopf schütteln und denken: “wussten die damals nicht, dass Krebs .....” Wer den Satz heute schon zutreffend zu Ende führen kann, dürfte ein Kandidat für den Nobelpreis sein.

Nach einer letzten Dosis Zytostatika ins Gehirnwasser werde ich entlassen. Zu Hause darf sich mein geschundener Körper erholen bis er reif ist für die nächste Chemo. Meine Frau hat mit den Kindern das Wochenende mit dem Tag der Deutschen Einheit als gute Schwäbin in Sachsen verbracht. Es trifft sich, dass sie gerade auf der Autobahn den Raum Stuttgart erreicht, als ich fertig bin für die Entlassung. So holt sie einen Ehemann aus dem Krankenhaus, dem es vor einer Woche noch recht gut ging und der jetzt wieder auf dem Zahnfleisch kriecht.

Samstag, 2. Oktober 2010

Testergebnis: unbezahlbar

Befund negativ! Auf diese gute Nachricht wartet so mancher Patient, wenn Tests durchgeführt und Proben eingeschickt wurden. "Negativ" heißt in dem Zusammenhang: es wurde keine Krankheit (mehr) gefunden, was in den meisten Fällen eine recht positive Nachricht darstellt.

Das Material aus meiner neuesten Knochenmarkpunktion wurde nicht nur im heimischen Labor des Krankenhauses ausgewertet, sondern auch in ein Speziallabor nach Kiel geschickt. Was die Befunde angeht, gibt’s eine Enthüllung eigener Art. Am Beginn meiner Behandlung wurde eine Anzahl von etwa 10 hoch 12 erkrankter Zellen in meinem Körper gefunden (bzw. hochgerechnet) - also eine 1 mit 12 Nullen. Im hauseigenen Labor können nur entartete Zellen nachgewiesen werden über einer Anzahl von etwa 10 hoch 9. Wenn es weniger sind, bleiben sie unerkannt. Diese Zahl war in meinem Fall schon nach dem zweiten Block der Chemo unterschritten, was auf ein gutes Ansprechen der Behandlung deutet. Diesmal wurde eine Probe nach Kiel eingeschickt, wo Molekularuntersuchungen durchgeführt werden, um einen sogenannten MRD-Wert zu bestimmen - was so viel heißt wie “minimale Resterkrankung”. Mit den aufwändigen Methoden eines Speziallabors können auch Krebszellen in deutlich kleineren Zahlen nachgewiesen werden, die sich irgendwo im Körper versteckt halten.

Und der Befund? Negativ: die Krankenkassen bezahlen diese Untersuchung nicht. Als sich die Behandlungsmethoden noch in der Testphase befanden, wurden solche Untersuchungen aus öffentlichen Fördertöpfen bezahlt, sagte mir der Arzt. Aber diese Töpfe sind leer. Folglich wird meine Probe in Kiel nur auf Eis gelegt. Falls die Leute im Labor mal nichts anderes zu tun haben, könnte es sein, dass sie einen Befund schicken. Läuft also meine Behandlung jetzt im Blindflug weiter?

Es hat wohl seinen Grund, warum die Krankenkassen solche aufwändigen Tests nicht bezahlen. Beim Stöbern im Internet las ich, dass diese Tests ein Testergebnis “positiv” zeigen können ab einer Anzahl von 100 000 erkrankten Zellen . Was darunter liegt, bleibt auch dem Labor in Kiel verborgen. Man muss sich vorstellen, dass ein Rest von einer handvoll entarteter Zellen ausreicht, um die Krankheit erneut ausbrechen zu lassen. Theoretisch würde eine einzige überlebende Krebszelle genügen. Folglich hätte ein “negativ” aus Kiel keine beruhigende Aussagekraft. Ob nach der Chemotherapie noch eine Rest-Krankheit vorhanden ist, wird man erst zuverlässig sagen können - Test hin, Test her - wenn sich in zwei Jahren keine Zellen vermehrt haben werden und die Krankheit nicht erneut ausgebrochen sein wird. Es bleibt also abzuwarten, ob Mr. L nach der letzten Chemo völlig aus meinem Körper ausradiert wurde. Gott möge es schenken. Und die Krankenkassen sollen ihre begrenzten Mittel besser für wichtige Heilbehandlungen ausgeben.

Montag, 27. September 2010

Von den Grenzen der Schulmedizin

Punkt neun steht das Taxi vor der Tür. Meine Krankenhaustasche ist gepackt. Ich fühle mich gesund und könnte meine letzten Wehwehchen zu Hause ausheilen. Doch nein, der Eindruck täuscht. Da schwirrt möglicherweise noch eine gute Zahl entarteter Zellen in meinem Blut- und Lymphsystem. Noch zwei Blöcke Chemotherapie stehen auf dem Programm, um auch die letzten überlebenden Krebszellen auszuradieren. Also geht’s heute wieder in die Klinik, zum vorletzten Mal und wieder für eine Woche. Der Empfang in der Klinik läuft schleppend. Als ich endlich mein Bett auf der Station habe, steht schon das Mittagessen auf dem Tisch.

Noch bevor ich die Vorsuppe löffeln kann, kommt die Visite in’s Zimmer geschneit. Zwei Ärzte schauen mich unschlüssig an und es wird schnell klar, dass die Herren in Weiß nicht mit mir hinter dieser Zimmertür gerechnet hatten. Wer weiß, ob da gerade jemand verlegt oder entlassen wurde. Der Oberarzt versucht, sich keine Blöße zu geben und fragt nach meinem Ergehen. Als Gesprächseinstieg - so jedenfalls meine Vorstellung - erzähle ich, dass es in der letzten Woche wenig an unangenehmen Nebenwirkungen gab und ich sogar Brennholz “aufgebeigt” habe. Seine Antwort überrascht mich. Ein paar kurze Floskeln bekomme ich zu hören, die vermutlich gut zu einem Treffen mit dem Nachbarn auf der Treppe im Hausflur gepasst hätten. Ob ich mit der Axt in den Wald gezogen wäre, will er wissen. Und schon sind die Ärzte wieder draußen.

Irgendwie spüre ich einen faden Geschmack auf der Zunge, obwohl die Chemo noch gar nicht angefangen hat. Nach meinem Gefühl hätten sich die Ärzte nach meinem Befinden erkundigen sollen, und zwar nicht nur nach den rein medizinischen Aspekten, die sie aus den Blutwerten ablesen können.  Hätten sie sich nicht auch nach meiner Familiensituation erkundigen sollen und den Tagen in der Heimat? Darüber hinaus hätte ich gerne mit ihnen meine Erfahrung besprochen, dass ich in Wangen für die Blutkontrolle eine onkologische Praxis gefunden habe. Man hätte mir erläutern sollen, was in dieser Woche der Chemo auf mich zukommt und worauf ich mich einstellen sollte. Doch all das kommt nicht zur Sprache.

Während ich meine Gabel in die Kartoffeln steche und das Geschnetzelte koste, muss ich meine Gedanken zusammen nehmen. Nein, der erste Eindruck täuscht. Ich werde hier nicht veralbert oder links liegen gelassen. Wie immer werden meine Befunde von dem zuständigen Arzt sorgfältig ausgewertet. Meine Medikamente wurden in der Krankenhausapotheke ganz persönlich für meine Behandlung abgestimmt. Heute Nachmittag noch wird die Behandlung beginnen mit einem Medikament, das erst vor wenigen Jahren auf den Markt gekommen ist, und die Heilungschancen für meine Krankheit um über 20% auf mehr als  80% gesteigert hat. Ja, die Schulmedizin kann mir helfen, und zwar meinem Körper. So eine kleine Panne bei einer Visite darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier auf höchstem Niveau für meinen kranken Körper gesorgt wird.

Doch genau darin zeigen sich die Grenzen der Behandlung in einer modernen Klinik, die Grenzen der Schulmedizin überhaupt. Für den Körper wird gesorgt mit Fachwissen auf nie gekanntem Niveau und mit ständig erweitertem medizinischem Aufwand. Die Sorge für die ganze Person des Patienten mit Körper und Seele findet in dem System der Schulmedizin jedoch keinen Platz und von den Krankenkassen keine Bezahlung.

In einem Gespräch in der vergangenen Woche mit einer homöopathischen Ärztin anthroposophischer Prägung war ich auf dieses Spannungsfeld hingewiesen worden. Die alternativen Heilmethoden haben den ganzen Mensch im Blick und darin liegt die Stärke der Nicht-Schulmediziner. Deren Arzneimittel erscheinen fraglich und ihre Wirkung kann rein statistisch kaum nachgewiesen werden. Und doch spricht so manche Behandlung an, die jenseits des Fachwissens der Schulmediziner von alternativen Heilern angeboten wird. Sie setzen bei der Seele des Patienten an und können sogar auf Medizin verzichten, die am Körper eine nachweisbare Wirkung erzielt.

Es wäre unfair zu sagen, dass die Schulmedizin versagt hat. Im Gegenteil, sie kann beachtliche Erfolge vorweisen, was von alternativen Heilmethoden rein statistisch gesehen nicht gesagt werden kann. Und doch fällt die Schulmedizin im Ansehen der Patienten, gerade dann, wenn schnelle Heilung nicht möglich ist oder sogar die ehrliche Prognose gestellt werden muss: “Wir haben keine Mittel mehr zur Verfügung gegen ihre Krankheit!” Ein so umfangreiches Gebäude der medizinischen Wissenschaft wurde aufgebaut, dass dem Patienten im Krankenbett nicht mehr vermittelt werden kann, was mit ihm in seiner Behandlung gerade geschieht. Die Antworten der alternativen Heiler - und so mancher Scharlatane - lassen sich da viel leichter begreifen und geben die gesuchte Hoffnung - auch wenn diese sich als trügerisch erweisen muss.

Unser Schöpfer hat uns mit einer lebendigen Seele ausgestattet. Beide, Körper und Seele sind beteiligt, wenn es um Krankheit, Gesundheit und Heilung geht. Doch den Zusammenhang von Körper und Seele kann die medizinische Wissenschaft mit ihren Methoden kaum beschreiben. Gott, der Schöpfer unseres Körpers entzieht sich den Methoden der Wissenschaft. Jesus, unser Herr und Heiland kann nur durch den Glauben erkannt werden. Umfassende Heilung kann nur dort geschehen, wo der Draht zu dem besten Arzt geschaltet ist, wo Menschen im Glauben erfassen, dass Krankheit, Heilung und Gesundheit in Gottes Hand liegen. Jesus zeigt in der Geschichte vom Gichtbrüchigen (Markus 2, 1-12), dass ein gesundes Verhältnis zu Gott und damit die Heilung der Seele sogar Vorrang hat vor der Heilung körperlicher Gebrechen. Ein Gelähmter wird mit großem Aufwand zu Jesus gebracht und durch ein Loch im Dach an Seilen vor seinen Füßen abgelegt. Und Jesus sagt ihm: “Dir sind deine Sünden vergeben!” Alle staunen oder ärgern sich. Dazu hätte sich wohl keiner die Mühe gemacht, ein Dach aufzureißen. Und doch: Frieden mit Gott zu haben, das ist das wichtigste. Erst dann sagt Jesus noch fast beiläufig: “Nimm dein Bett und geh heim!”

Ich bin froh, dass durch den erfahrenen Dienst der Ärzte für meinen Körper gesorgt ist. Und es gibt mir Kraft zu wissen, dass so viele zu Gott beten, dass er mir Heilung und Kraft schenkt an Körper und Seele.

Samstag, 25. September 2010

Ängstlich wie die Kinder


Hurra, wir können stehen!
Kinder werden erst interessant, wenn sie einigermaßen reden können. So hatte ich bisher gedacht. Doch unsere Zwillinge belehren mich eines besseren. Es macht offenbar einen Unterschied, ob man fremde Kinder nur gelegentlich sieht, oder ob man Tag für Tag die Entwicklung bei den eigenen Kindern beobachten kann. Töchterchen hat mal wieder den Vorreiter gemacht und sich als erste aus eigener Kraft hochgezogen an den Gitterstäben des Bettchens. Sie kann auf den eigenen Beinchen stehen. Inzwischen beherrscht Sohnemann den Trick auch. Dabei benutzt er eine ganz andere Technik als seine Schwester. Aus dem Vierfüßlergang streckt er die Beine aus und dann braucht er eine Treppenstufe oder die gute alte Zeitungskiste neben dem Ofen, um sich aufzurichten. Dann stehen sie und freuen sich über die neue Perspektive. Nur eins fehlt ihnen noch. Sie haben noch nicht den Mut, einen Fuß vor den anderen zu setzen. An die Idee, dass Gott die Beine zum Fortbewegen gegeben hat, trauen sie sich alle beide noch nicht heran. Sollen wir ihnen zeigen, wie man läuft? Nun, bisher haben sie all die Tricks selbst herausgefunden, die wir ihnen mühsam beibringen wollten vor der Zeit. Alle Mühe war umsonst, die Kinder anzuregen, gezielt nach Spielzeug zu greifen. Plötzlich konnten sie es von selbst. Auch das Hinsetzen konnten wir ihnen nicht beibringen. Als die Muskeln stark genug waren, taten sie es von selbst. Ich gehe mal davon aus, dass die ersten Schritte auch kommen werden, wenn die Zeit dafür reif ist. Schließlich sind die beiden gerade mal neun Monate alt. Ob ich auch so viel Mühe hatte, laufen zu lernen? Zum Glück habe ich meine Erinnerungen an diese Plackerei verloren.

Übrigens hat die Kunst, gezielt greifen zu können, ganz konkrete soziale Folgen. Töchterchen nimmt ihrem Bruder mit einem gezielten Griff den Schnuller weg oder das Spielzeug, mit dem er sich gerade beschäftigt. Der Kleine bewegt seine Hände dann aber zu tollpatschig, um das Verlorene zurückerobern zu können. Tränen gibt es aber kaum - bisher. Schließlich liegt genügend Spielzeug herum um und die Aufmerksamkeit von Schwesterchen hat sich bald auch wieder anderen Dingen zugewendet und der Kleine findet seinen Schnuller unbeachtet auf dem Boden liegen.

Allein sein wollen die beiden nicht. Solange sie gemeinsam spielen, können wir nach nebenan gehen. Doch wenn Claudia ein Kind nach oben genommen hat zum Wickeln oder Baden, dann braucht das andere den Blickkontakt zum Papa. Ansonsten geht das Gebrüll los. Dabei muss ich nur auf die andere Seite des Ofens gehen oder in die Küche und kann sogar noch durch reden oder singen auf mich aufmerksam machen. Es hilft nichts, die Kleinen bekommen scheinbar Angst, wenn sie niemanden mehr sehen.

Die Bibel verwendet oft die Kinder als Vergleich für unser Verhältnis zu Gott. Hier liegt wohl auch ein Vergleichspunkt. Wir wollen Gottes große Werke in unserem Leben sehen und spüren. Sobald ER schwere Tage zulässt und Schicksalsschläge schickt, dann muss er wohl in den Urlaub gegangen oder mit etwas anderem beschäftigt sein. So denken wir ganz kindlich. Dabei ist Gott immer in Rufweite und schläft und schlummert nicht. Nur unser Blick scheint manchmal so kurzsichtig zu sein wie bei den Babies, die sich verlassen fühlen, wenn niemand mehr in Sicht ist.

Donnerstag, 23. September 2010

Ein Vorrat für viele Wintermonate

beiga: schlichten, stapeln” so erklärt das Schwäbischwörterbuch den Sinn eines Wortes, das in diesen Tagen im Schwabenland Hochkonjunktur hat. Der Winter naht, auch wenn keiner daran denken möchte. Bis dahin will genügend Holz in der “Beige” aufgebeigt haben, wer auf gut schwäbische Art das Geld für’s teure Heizöl spart und seine Stube mit Holz heizt. Wir tun’s auch und so galt eine meiner Aktivitäten während des Heimaturlaubs dem Holz. Fünf Meter (Raummeter, wie der Holzhändler sagt) bekamen wir geliefert. Im Vorfeld hatte ich mir schon Sorgen gemacht, wer das “aufbeigen” übernehmen könnte und ob wir jemanden zu Hilfe rufen sollten. Doch dann war meine Frau beinahe enttäuscht, dass ich ihr so wenig übrig gelassen habe von der urschwäbischen Arbeit. Ja, tatsächlich, es ging. Die alten Kräfte sind noch nicht zurück, doch sie kommen wieder. Ich fühle mich unsicher. Wie viel an körperlicher Arbeit kann ich mir abverlangen? Wann würde ich mich überfordern und die Heilung gefährden? Die Ärzte haben mir nahe gelegt, mich viel zu bewegen und den Körper wieder in Schwung zu bringen. Da kommt das Brennholz gerade recht und produziert wohltuenden Muskelkater. Besser als auf dem Sofa sitzen sind solche Aktivitäten wohl allemal. Und da die Brennholzfirma nicht alles Holz an einem Tag liefert, kommt mir’s gerade recht. So kann ich den Rest der Arbeit auf morgen vertagen.

Schließlich ist alles Holz drin - gutes, trockenes Buchenholz in langen Scheiten - und ich verschraube die Gitter vor der Beige wieder. Fertig. Da kommt mir der Gedanke: jetzt kannst du ruhig auf den Winter warten - du hast einen Vorrat auf viele Monate. Vielleicht reicht es sogar noch bis zum nächsten Winter. “Iss und trink und habe guten Mut”. Ups, das waren die Gedanken vom “reichen Kornbauern” aus dem Lukasevangelium. Jesus kommentiert diese Art von Vertrauen auf die großen Vorräte: “Du Narr, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Und wem wird dann gehören, was du aufgehäuft hast?”

Ja, wer wird das Holz verfeuern, das ich so mühsam aufgebeigt habe? In den vergangenen Jahren habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Mein Holz verheize ich. Doch mit den potenziell tödlichen Krebszellen im Blut sieht die Rechnung anders aus. Mir steht die Warnung von Jesus klarer vor den Augen. Es kann schnell sein, dass Gott meine Seele von mir fordert. Dann bleiben alle Vorräte zurück, die ich mir gesammelt habe.
 Nicht nur Krebszellen bedrohen unser Leben. Auch durch Unfälle oder Herzinfarkte kann Gott unerwartet unsere Seele einfordern. Wer will schon da stehen wie der reiche aber unkluge Kornbauer, dem die Warnung galt: "So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott." (Lukas 12, 21)?

Dienstag, 21. September 2010

Red mir nicht vom Krebs

Diesmal empfing uns das Allgäu mit wunderbarem Sonnenschein. So ließen wir all das, was zu Hause zu erledigen war, zunächst liegen und machten uns auf in Richtung Bodensee. Ein Ausflug nach Bregenz brachte einiges an Standzeit in der Blechlawine, die sich auch in der Nachsaison noch um den Bodensee schlängelt. Wie gern wäre ich schnell mal in’s Wasser gesprungen. Doch für solche sportlichen Einlagen reicht die Kraft nicht und außerdem würde sich Baden auch in wärmeren Gewässern verbieten wegen meinem Anschluss am Oberarm. Von dort könnten Keime direkt in den Blutkreislauf gelangen. So beschränkten wir uns darauf, die Kinder Seeluft schnuppern zu lassen und sie zu Fütter - mit Blick auf das Wasser. Leider fehlt den Kleinen noch der Blick für die wunderschöne Landschaft.

Ein weiterer Ausflug führte uns dann auf den Pfänder. Für Ortsunkundige: so heißt der Bergrücken, der zwischen Lindau und Bregenz fast bis in den Bodensee hinein ragt. Von dort oben gibt es bei gutem Wetter einen wunderbaren Ausblick über den See und auf das Panorama der Berge. Bisher stellte ich mein Auto irgendwo in den Dörfern ab und dann ging es auf Schusters Rappen durch die Landschaft bis hin zum Aussichtspunkt an der Pfänderbahn. Diesmal stellten wir das Auto auf dem letzen öffentlichen Parkplatz ab und gingen nur die letzten Meter den Berg hoch. Natürlich, wie will man mit dem Kinderwagen anders vorankommen? Doch der Kinderwagen war nicht das einzige Hindernis für eine Wanderung. Mir geht es nach dem 4. Block Chemo zwar erstaunlich besser als nach den vorigen. Die Kräfte kommen scheinbar langsam wieder. Trotzdem zeigt sich gerade bei sportlichen Aktivitäten, wie sehr mein Aktionsradius eingeschränkt bleibt.

Auf dem kurzen Spaziergang zur Aussichtsplattform ergab sich eine Situation, die vielleicht typisch ist für das Leben mit der Krankheit. Meine Frau schob den Kinderwagen mit den Zwillingen den Berg hoch. Ich lief hinterher und versuchte trotz anfänglicher Atemnot doch Schritt zu halten. Von hinten kam in zügigem Schritt eine Gruppe Wanderfreunde mit Vereinsabzeichen und perfekter Ausrüstung herangestürmt. Und schon hörte ich spitze Bemerkungen, ob denn das der Papa sei, der da seine Frau den Kinderwagen schieben lässt. Offenbar hatten sie meinen Bandana nicht als Zeichen für den Kampf gegen den Krebs gedeutet und womöglich den etwas abgelebten Motorradrocker vermutet, der ohne seinen Feuerstuhl nicht mehr so recht voran kommt. Sollte ich die Witzelei einfach überhören und mich vielleicht still darüber ärgern? Ich griff mir den sportlichsten der alten Herren und schenkte ihm klaren Wein ein. “Es ist noch nicht so lange her, dass auch ich flink unterwegs war. Das ging bis der Arzt mir sagte, dass ich Krebs habe. Seither laufe ich etwas langsamer.” Damit war die ausgelassene Stimmung verflogen. Einer versuchte mich am Arm zu nehmen und unterzuhaken. Ein anderer bot meiner Frau an, beim Schieben zu helfen. Und dann haben sie schnell ihre Wanderstöcke geschwungen und sich auf und davon gemacht. O.k. das war womöglich gemein von mir. Hoffentlich habe ich den Herren vom Wanderverein nicht den Tag verdorben.

Trotzdem, darf man in der Öffentlichkeit von seiner Krankheit reden? Betroffene Gesichter sind die Folge und meist Sprachlosigkeit. Inzwischen habe ich den Eindruck, dass wir als Betroffene deutlich besser mit der Krankheit umgehen können als die Gesunden. Krankheiten generell - und gerade diese potentiell tödliche - passen nicht in unsere erfolgsorientierte Zeit. Am Anfang hatte ich mich gewundert über die Rücksicht, die man mir teilweise entgegen brachte. “Werde jetzt erst mal wieder gesund. Ich will dich nicht stören.” Das waren Reaktionen auf Anrufe oder Einladungen. Und der Verdacht kommt auf, dass es sich bei dieser Art von Rücksichtnahme um Selbstschutz handelt. Man will nicht konfrontiert werden mit Krankheit und Verfall.
Sicherlich trifft das nicht nur auf Krebskranke zu. Die Einsamkeit in den Alten- und Pflegeheimen hat die gleichen Wurzeln. Einer meiner Zimmernachbarn berichtete mir von seinem Schwager, der seine Frau und das Baby nach einem Kaiserschnitt nur ein einziges Mal in der Klinik besucht hat. Er kann die Krankenhausluft nicht ertragen.

Wenn ich in der Klinik über die Station laufe, treffe ich auf jede Menge Leidensgenossen mit erheblichem Gesprächsbedarf. Man muss nur das Thema kurz antippen und bekommt eine lange Krankengeschichte erzählt. Ich kenne das schon vom Taxi-Fahren. Eigentlich geht den Taxifahrer  die Krankengeschichte ja nichts an. Und doch waren meine Fahrgäste so schnell bei ihrem Thema. Nur wenige waren geneigt, ein Gespräch über sonstige Nebensächlichkeiten zuzulassen. Niemand will an Krankheit erinnert werden und niemand scheint zuzuhören. Darf man von der Krankheit reden? Aus Rücksicht auf die Gesunden werden viele von ihrer Krankheit schweigen. Wie viel Zurückhaltung tut gut - besonder gegenüber sportlichen Wanderfreunden, die ihre Gesundheit mit stramm gebundenen Kniebundhosen feiern?

Montag, 20. September 2010

Arzt in Heimatnähe

Als Familie gewöhnen wir uns an meinen Drei-Wochen-Rhythmus: In der ersten Woche muss ich in die Klinik zur Chemotherapie. In der Zeit wohnt Claudia mit den Kindern bei ihrem Bruder in Wart. Die zweite Woche bringt dann meine Entlassung und einige Tage fast Bettruhe ebenfalls in Wart mit zwei Fahrten nach Sindelfingen zur Blutkontrolle. Wenn alles gut läuft, können wir dann in der dritten Woche nach Hause in’s Allgäu fahren bis die nächste Chemo ruft.

Nach dem 4. Block der Chemo deutet sich jetzt eine kleine Änderung in diesem Rhythmus an. Ich habe mich schon länger gefragt, ob ich wirklich wegen jeder Blutkontrolle in die Klinik nach Sindelfingen fahren muss. Labors gibt es doch schließlich in jedem Krankenhaus. Doch selbst auf wiederholte Nachfrage war mir in der Klinik eher abgeraten worden, mich für die Tage zwischen den Chemo-Blöcken nach einem Arzt in Heimatnähe umzusehen. Draußen im fernen Allgäu traute man meine Betreuung niemandem zu. So blieben wir bisher in Wart im Schwarzwald und die Krankenkasse bezahlte mir die 45minütige Taxifahrt zweimal in der Woche nach Sindelfingen zur Blutkontrolle. Nur, wenn sich die Blutwerte von dem zu erwartenden Tief nach der Chemo erholt hatten, ließ man mich in die Heimat fahren. Doch dafür blieb kaum Zeit.

Diesmal nahm ich im Vorfeld Kontakt zu einer onkologischen Praxis in Wangen auf und verlegte die Termine zur Blutkontrolle in der zweiten Woche Freigang auf eigene Faust nach Wangen. Und siehe da, die Ärzte hier wussten recht gut mit meiner Behandlung umzugehen. Der leitende Arzt bemerkte nebenbei, dass er das Problem kennt. In seiner frühen Praxis habe er auch Patienten in die Klinik nach München bestellt, obwohl er ihnen damit eine mehrstündige Autofahrt auferlegte. Inzwischen habe er jedoch gelernt, neben dem Blick auf die Blutwerte den auf die Lebensqualität der Patienten nicht zu vergessen. Meine Vermutung, dass mein Blut erst in ein Labor geschickt werden muss und die Ergebnisse womöglich erst am nächsten Tag vorliegen würden, erwies sich als Irrtum. Nach fünf Minuten kam der Arzt mit den Werten - die richtig schlecht ausfielen. Das nennen die Mediziner den Leukozyten-Nadir oder Tiefpunkt der weißen Blutkörperchen. Von da an geht’s wieder bergauf. Bestätigt wurde mir die Richtigkeit der Entscheidung, für die einwöchigen Blöcke der Chemotherapie nach Sindelfingen zu fahren. Auf diese Art von Hochdosis-Chemo sind die Krankenäuser hier in der Gegend nicht eingerichtet.

Nur die Schwestern schauten auf meine PICC-Line (mein “Tankstutzen” am Oberarm, durch den die Infusionen eingefüllt und die Blutproben entnommen werden) mit verwundertem Zweifel. Das hatten sie noch nicht gesehen und schon gar nicht an dieser Stelle. Trotzdem  klappte das Anzapfen und nach der Blutentnahme bekam ich einen geradezu kunstvollen Verband.

Fazit: ich hoffe, nach den verbleibenden Wochen der Chemotherapie in Sindelfingen jetzt für länger Zeit nach Hause nach Wangen fahren zu können. Vor allem hoffe ich freilich, dass ich bald gar nicht mehr in die Klinik muss. Wenn Gott mir Heilung schenkt, dann hat sich der Drei-Wochen-Rythmus erledigt.

Montag, 13. September 2010

Leben nach der Chemo

Kurz vor fünf kommt die Schwester bereits mit den Tabletts für das Abendessen. Ich habe meine Tasche längst gepackt, mich angezogen und könnte schon zu Hause mit den Kindern spielen. “Wollen Sie noch Ihr Abendessen?” fragt sie und bekommt eine patzige Antwort. “Der Arztbrief wäre mir lieber!” Sie kann ja nichts dafür, dass auf Station so manche Abläufe auch mit Bürokratie zu tun haben. Der Arzt muss mir noch meinen Arztbrief zusammenstellen. Eher kann ich dieses heilende Haus nicht verlassen. Leider hat er noch anderes zu tun und ich darf warten. Immerhin hat er sich darauf eingelassen, mich heute noch heim zu schicken. Ursprünglich wollte er mich noch eine Nacht da behalten, da ich heute Nachmittag noch einige Spritzen für das Gehirnwasser in den Rücken bekommen habe. “Intrathekale Gabe” nennt sich das im Fachjargon. Mein Zimmernachbar musste sich das mit ansehen und hat darauf dem Oberarzt die Zusage abgerungen, dass bei ihm so etwas nur unter Betäubung gemacht werden darf. Nun, es sieht wohl schlimmer aus als man es selbst spürt - zumindest, wenn alles gut geht. Wie gut, dass ich hinten keine Augen habe.

Am vergangenen Wochenende hatte der Chefarzt selbst Dienst übernommen und mir einige Infusionen angehängt. Auf die Art bin ich noch zu meiner Chefarzt-Visite gekommen. Dabei kam die Rede auf den Fortgang der Behandlung. Er hätte sich neulich meine Befunde dreimal angeschaut, weil sie so gut aussahen. Ich hoffe, das ist nicht nur eine ermutigende Redewendung. Dann regte er an, in der kommenden Woche schon mal mit den nötigen Stellen Kontakt aufzunehmen, damit ich nach der letzten Chemo eine Heilbehandlung zur Wiederherstellung bekommen kann - was man landläufig eine Kur oder Reha nennt. Drei Wochen würden mir zustehen. Alle schwärmen von Kuren, die immer seltener verschrieben werden. Mir erscheint der Gedanke derzeit nicht besonders verlockend. Nachdem ich den besseren Teil dieses Sommers in Krankenhausbetten zugebracht habe, verspüre ich wenig Verlangen, im Spätherbst nochmal drei Wochen “stationär” zu gehen. Die Hoffnung, wieder normal zu Hause leben zu können, erscheint mir momentan als die beste Kur. Immerhin gäbe es auch die Möglichkeit, an Kurbehandlungen ambulant teilzunehmen. Vielleicht bietet eine der Kurkliniken in unserer Nähe im Allgäu diese Möglichkeit.

Wie auch immer die Reha für mich ausfallen wird, es war eine Wohltat über die Tage nach der letzten Chemo zu reden. Es scheint ein Leben nach der Chemotherapie zu geben. Zumindest halten die Ärzte das in meinem Fall für möglich.

Noch vor um sechs ruft mich der Arzt aus dem Zimmer, das ich eine Woche lang nicht verlassen durfte. Mein Zimmernachbar war aufgrund seiner Blutwerte isoliert worden und ich war mitgefangen bzw. mit ihm “umkehrisoliert”. Und schon halte ich meinen ersehnten Entlassungsbrief in der Hand. Zwei Mal soll ich zur Blutkontrolle in die Ambulanz kommen in den nächsten zwei Wochen und Ende September heißt es dann wieder “stationär”. Na, bis dann “Auf Wiedersehen” in Sindelfingen.

Sonntag, 5. September 2010

Zurück in Richtung Klinik

Wo sind die Tage geblieben, die wir im Allgäu - also zuhause - hatten? Die Zeit verging viel zu schnell. Immerhin, wir konnten Freunde und Bekannte besuchen oder zu uns einladen. Den Grill im Garten haben wir drei Mal angeheizt, sodass die Grillsaison nicht ganz verstreichen musste ohne den Duft von Holzkohle. Ich habe sogar den Pinsel geschwungen und Fenster gestrichen - natürlich nur die Rahmen. Brennholz für den Winter wollten wir auch bestellen und “aufbeigen” - wie man hier sagt. Doch das muss noch warten bis zur nächsten Fahrt nach Wangen. Hoffentlich wird die möglich sein, bevor der erste Schnee kommt.

Die Kinder haben heute geduldig die drei Stunden in ihren Babyschalen im Auto verbracht und verschlafen auf der Fahrt in den Schwarzwald. Jetzt müssen sie sich wieder an ihr kleines aber womöglich vertrauteres Zuhause gewöhnen. Und ich muss morgen früh wieder in die Klinik nach Sindelfingen - für eine Woche, für Block vier der Chemotherapie. Ich muss noch ein Buch aussuchen für die Stunden am Tropf. Wie gern wäre ich in Wangen geblieben. Kann ich die Krankheit nicht einfach ignorieren und wieder gesund sein? Die Signale aus dem Körper zeigen allerdings, dass da noch einiges an Behandlung nötig ist, bis wieder Normalität einziehen könnte.

Dienstag, 31. August 2010

Mit 8 Monaten kommt Bewegung in's Leben


Kaum zu glauben, was unsere Zwillinge plötzlich alles anstellen können. Noch Anfang August habe ich mit Sohnemann geübt, wie man sich vom Bauch auf den Rücken dreht. Er beherrschte nur die Drehung auf den Bauch und fing kläglich an zu weinen, wenn der Kopf zu schwer wurde. Inzwischen haben beide entschieden, dass herumliegen langweilig ist. Und sich die Welt zu erobern durch hin und her rollen, ist auch ein mühsames Geschäft. Also hat sich Töchterchen einfach mal hingesetzt. Meine Frau unterstellt ihr für diesen mutigen Schritt einen ganz weiblichen Drang: Sie war “wunderfitzig” und wollte den Inhalt einer Kiste inspizieren, die unter dem Tisch stand. Dazu hat sie sich hoch gezogen. Der Bub macht sich nicht so viel Mühe - er beobachtet schlichtweg, was Schwesterherz vorführt und macht es nach. Zwei Tage später konnte er sich auch hinsetzen und bald sah das so natürlich aus, als ob die beiden die nötigen Bewegungen schon mit in die Wiege bekommen hätten. Krabbeln ist auf einmal auch kein Problem mehr. Bisher mündeten alle Bemühungen zum Krabbeln im Rückwärtsgang und brachten die Kleinen nie dorthin, wo es wirklich interessant war.

Töchterchen späht mit Vorliebe herrenlose Schuhe oder Sandalen aus - und hast du nicht gesehen, geht's vorwärts zum Ziel der Begierde. Und wieder dauerte es nur wenige Tage bis der Bruder auch diesen Trick bei der Schwester gelernt hatte. Ein Bekannter bemerkte dazu tiefsinnig, dass Männer diese Fähigkeit bis in's Alter pflegen.

Jetzt gibt’s am Esstisch eine richtige Familienrunde. Die Zwillinge sitzen in ihren Hochstühlen und schauen neugierig zu, was Mama und Papa auf dem Tisch mit Messer und Gabel anstellen. Was im Einzugsbereich der Babyfinger passiert, hat freilich weniger mit Esskultur zu tun. Nach der ersten Mahlzeit im Hochstuhl war eine Tasse weniger in den Schrank zu räumen und ein Teller landete zudem im Müll. Und das obwohl das Kindergeschirr den Anspruch hatte, unkaputtbar zu sein. Trotzdem gab es leuchtende Kinderaugen ohne jede Spur von Reue. Nur Mama war “not amused”.

Wer kann sich bei so viel Lebensfreude und Entdeckerdrang vorstellen, dass Gott vor haben könnte, den Papa demnächst abzuberufen aus diesem Leben? Die Chemotherapie muss ja erfolgreich verlaufen. Die Kleinen brauchen doch auch einen Papa - besonders, wenn sie in den nächsten Jahren noch so viel mehr entdecken und lernen werden. Ja, Gott wäre ungerecht, wenn er jetzt die Familie durch Krebs und einen Todesfall auseinander reißen würde. So urteilen ganz menschliche Gedanken und ich würde mich der Vorstellung ja gar zu gern anschließen. Man könnte Gott sozusagen erpressen und sagen: “Du hast uns die Kinder geschenkt. Jetzt musst du mich auch wieder gesund werden lassen.”

Doch Gott kann anders. Oder sollte man besser sagen: Gott lässt auch schlimme Dinge geschehen. Erst kürzlich erreichte uns die Nachricht von Bekannten, wo eine Mutter an Brustkrebs erkrankte und erlag. Am Grab stand ihr dreijähriges Kind. Krankheiten reißen Familien heute nicht mehr so oft auseinander wie das früher an der Tagesordnung war. Doch jeder kennt wohl Nachrichten von tödlichen Unfällen, die Kinder als Halbwaisen zurück gelassen haben. Wie können wir diese Wege Gottes verstehen? Mitunter verstehen wir erst im Rückblick und Jahre später, was Gott durch Schicksalsschläge bewirkt hat. Doch nicht immer erschließt sich Gottes Handeln unserer Logik. Der Prophet Jesaja erinnert (Jes 55, 8-9): Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

Donnerstag, 26. August 2010

Von Blutkonserven und Kindersitzen

Im Warteraum der Onkologischen Ambulanz in Sindelfingen treffen sich Bekannte. Entweder man hat mal auf dem Flur der Krebsstation mit den Leuten geredet und Erfahrungen ausgetauscht oder sogar einmal ein Zimmer geteilt. Irgendwann kommen sie alle wieder her für Blutkontrollen oder ambulante Chemos. Und wieder werden die neuesten Wendungen der Leidensgeschichten ausgetauscht. Langsam habe ich keine Lust mehr, meine Geschichte erneut zu erzählen oder mir eine Geschichte anzuhören und verkrieche mich hinter mein Buch.

Dann bin ich dran. Die Blutentnahme dauert keine fünf Minuten und dank meiner PICC-Line werde ich nicht einmal gestochen. Dann heißt es wieder eine halbe Stunde warten bis die Ergebnisse aus dem Labor da sind. Als die Schwester mit dem Blatt mit den Ergebnissen kommt, gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Ja, meine Blutwerte steigen wieder, das Tief ist überwunden und ich darf nach Hause fahren für die nächsten anderthalb Wochen. Allerdings dümpeln die roten Blutkörperchen noch auf so niedrigem Niveau, dass der Arzt eine erneute Bluttransfusion angeordnet hat. Also geht es nach Hause, aber nicht gleich. Ich schicke den Taxifahrer nach Hause und vereinbare mit Claudia, dass sie mich heute Nachmittag in der Klinik abholt mit gepacktem Auto, sodass wir dann gleich weiter fahren können. In der Kantine hole ich mir noch schnell einen Bissen für das Mittagessen und dann sitze ich wieder und warte. Inzwischen sind meine Leidensgenossen alle verschwunden und ich bin mit dem riesigen TV-Bildschirm an der Wand allein - und mit meinem Buch. Nach ganzen zwei Stunden kommen die Blutkonserven endlich an. Und dann dauert es nochmal fast drei Stunden, bis die zähe rote Flüssigkeit in meine Adern gelaufen ist.

Kaum bin ich raus aus der Klinik, kommt Claudia um die Ecke gebraust, das Auto fast bis unter das Dach vollgepackt. Wir fahren zunächst einen Baby-Ausstatter an in der Nähe von Ulm. Es geht um Kindersitze. Unsere Beiden recken ihre Köpfe inzwischen verdächtig über die Babyschale hinaus, wodurch die Zeiten der bequemen “Verpackung” der Babies mit Tragegriff zu Ende gehen. Ich lerne kräftig dazu in Sachen Kindersitze der Klassen eins bis drei und Sicherheitsstandards und ab welchem Gewicht und Körpergröße welche Sitze dran sind usw. Unglaublich, was man sich heutzutage für Festungen auf die Rücksitzbank schnallt, damit die Kinder mit gutem Gewissen mitgenommen werden können. Da fühlt man sich an Bilder von der NASA erinnert. Ob die Industrie hier Geld macht mit den Sorgen der Eltern und immer neue und teurere Modelle in den Markt drückt? Ob es demnächst auch Baby-Airbags geben wird? Immerhin zeigt uns der freundliche Händler auch ein simpleres aber - wie er sagt - völlig veraltetes Modell. Er kann den Sitz nicht empfehlen - klar. Andererseits ist in diesen Sitzen auch eine ganze Generation von Kindern Auto gefahren. Kann man auch hier sagen: Weniger ist mehr? Gut, wir danken herzlich für die Beratung, sind unentschieden und verabschieden uns. Claudia, wird ihre neuen Einblicke bei der Suche im Internet zur Anwendung bringen...

Die letzten 10 Kilometer bis nach Hause fahren wir mit schreienden Kindern auf dem Rücksitz. Hoffentlich hat von den Nachbarn keiner zugehört, als wir die übermüdeten Kleinen schnell in die Wohnung tragen. Endlich mal wieder zu Hause im Allgäu - so Gott will sogar für mehr als eine Woche.

Montag, 23. August 2010

Fahrkarte gesperrt

Heute gab es eine kleine Enttäuschung bei der Kontrolle der Blutwerte in der Klinik in Sindelfingen. Wir hatten gehofft, dass wir heute losfahren können in Richtung Wangen. Das würde zwei großartige Wochen zu Hause ergeben. Doch der Arzt schüttelte nach fast zwei Stunden warten auf die Ergebnisse aus dem Labor bedenklich den Kopf. Der Wert für die Thrombozyten liegt so niedrig, dass er auf keinen Fall weiter fallen darf. Sonst besteht akutes Risiko von unkontrollierten Blutungen. Auch andere Werte sind nicht gerade berühmt wenn auch nicht auf alarmierendem Niveau. Also muss ich in der Nähe der Klinik bleiben und am Donnerstag zur nächsten Kontrolle erscheinen. Bleibt zu hoffen, dass sich dann die Werte gebessert haben und sich wieder auf dem aufsteigenden Ast befinden.

Nach den ersten zwei Blöcken Chemo hatten sich die Werte schneller erholt. Die Chemos verlangen wohl ihren Tribut. Hoffen auf Donnerstag und auf erholsame Tage im Schwarzwald bis dahin.

Montag, 16. August 2010

Halbzeit

Die Zeit bis zur Visite vertreibe ich mir mit “Exodus” von Leon Uris. Meine Frau hat mir eine uralte Paperback-Ausgabe mitgebracht, in der noch der Mädchenname meiner Schwiegermutter steht. Zuvor habe ich diesmal schon meine Tasche gepackt. Die Entlassung muss kommen, auch wenn ich mich richtig schlapp und krank fühle. So jedenfalls lief es nach den vorhergehenden Blöcken Chemo.

Am Freitag gab es ein Malheur mit meiner PICC-Line, dem Katheter, durch den die Infusionen direkt in die Vene geleitet werden. Man hatte mir vorsorglich eine Blutkonserve mit roten Blutkörperchen gegeben, weil sich da bereits Komplikationen ankündigten. Ich war wohl so infusionsmüde, dass ich nicht darauf geachtet hatte, wann die letzten Tropfen aus der Konserve getropft waren. Als die Schwester kam, war es schon zu spät. Das Blut im Schlauch war geronnen und damit der Katheter verstopft. Der eilig herbeigerufene diensthabende Arzt gab sich viel Mühe, doch der Zugang blieb verstopft. Was soll das werden? Morgen stehen noch vier Infusionen auf dem Programm. Ein Anruf beim Oberarzt brachte dann zumindest einen Lösungsweg. Er spritzte ein blutlösendes Medikament in den haardünnen Schlauch so gut es ging, machte ihn dicht und legte mir am anderen Arm einen temporären Zugang für den restlichen Liter Kochsalzlösung, der auch noch in meine Adern musste. Am Sonnabend früh kam der Oberarzt persönlich und löste die Verstopfung mit einigen gezielten Handgriffen. Na, jedenfalls brauchte man nicht die Kanalreinigung zu rufen.

Am Sonnabend Abend gab es Besuch aus der Heimat. Pastor Kubitschek war unterwegs zur Vertretung in Süddeutschland und feierte einen Abendmahlsgottesdienst. Wie gut, dass es im Krankenhaus nicht nur giftige Medikamente sondern auch geistliche Nahrung gibt.

Am Sonntag stand dann einfach nichts mehr auf dem Programm, sodass ich mich frage, warum man mich nicht nach Hause lässt. Man will wohl die Blutkontrolle am Montag abwarten, um zu sehen, ob sich die Nebenwirkungen im erträglichen Rahmen halten. Am Sonntag fehlten die kleinen Tabletten mit dem kreuzförmigen Schlitz in meinem Medikamentenbecher. Das Geheimnis dieser Tabletten habe ich noch nicht ganz gelüftet. Se sorgen unter anderem dafür, dass ich mich während der Chemo-Woche aktiv und munter fühle. Ohne das Aufputschmittel setzen Schwäche und Trägheit ein.

Die Visite heute am Montag kommt spät. Die Ergebnisse der Knochenmarkspunktion vom vorigen Montag sind immer noch nicht da. Und ja, ich darf nach Hause. Dann geht es noch um eine mögliche Entnahme von Stammzellen für eine Selbstspende. Damit sind die Ärzte auch schon wieder raus aus meinem Zimmer. Jetzt muss ich auf den Arztbrief warten. Das kann dauern. Diesmal liege ich nämlich im ersten Zimmer vorn und die Visite hat bei mir gerade erst angefangen. Schließlich halte ich nach dem Mittagessen den ersehnten Entlassungsbrief in der Hand noch bevor die Ärzte zum Essen gehen. Am 6. September muss ich erst wieder auf die Station kommen für den nächsten Block Chemo. Das gibt drei Wochen Urlaub und hoffentlich zwei davon im Allgäu. Schnell die Tasche fertig packen ist angesagt. Dann muss ich noch in das Erdgeschoss zur Ambulanz, weil man mir dort die Rezepte für die nötigen Medikamente zu Hause ausstellt.

In der Ambulanz kommt der Oberarzt nochmal auf mich zu. Das Fax mit den Testergebnissen ist gerade eingetroffen. Und schon ergießt sich über mich eine Flut von Fachbegriffen. Wenn ich die Äußerungen richtig verstanden habe, sind die entarteten Zellen deutlich auf dem Rückzug. Oder hatte er gesagt, dass keine Krebszellen mehr nachweisbar waren? Ich werde mir das bei Gelegenheit noch genauer erklären lassen. Die weniger erfreuliche Nachricht ist, dass auch die gesunden Zellen nicht mehr besonders fit sind. Jedenfalls kann man mit dem Ergebnis ganz zufrieden sein, das war wohl der Tenor der Aussage. Für mich heißt es also Gott danken. Halleluja, er hilft durch die Hand der Ärzte. Die vielen Gebete werden erhört.

Jetzt ist Halbzeit. Die Behandlung hat angeschlagen und geht weiter. Die drei Blöcke Chemo, die ich bekommen habe, werden wiederholt. Damit soll sichergestellt werden, dass auch die letzte der kranken Zellen abgetötet wird. Würde auch nur eine Krebszelle im teilungsfähigen Zustand überleben, bedeutete das einen Rückfall. In kurzer Zeit würden sie die Zellen wieder vermehren. Groß wäre dann die Gefahr, dass diese neuen Krebszellen resistent sind gegen die Chemotherapie. So werde ich mich bald wieder hier einfinden für die restlichen Behandlungen. Bleibt zu hoffen, dass Gott meinem Körper und Seele die Kraft gibt, dem Gift Stand zu halten - und dass sich keine entartete Zelle auf Dauer vor den Medikamenten verstecken kann.

Mittwoch, 11. August 2010

Doppelzimmer

Für diese Woche Chemo klappt es nicht mit einem Einzelzimmer. Ich werde mich also auf einen Bettnachbarn einstellen und mein Schicksal ein Stück weit teilen und an eines anderen Schicksal teilnehmen. Mir fällt auf, dass die Gideon-Bibel im Halter an der Wand fehlt. Hat da tatsächlich jemand nach der Bibel gegriffen, die hier in jedem Zimmer neben der Eingangstür angebracht ist? Ja, tatsächlich, die Bibel liegt auf dem Nachttisch meines Zimmergenossen zusammen mit einem Losungsbuch. Am nächsten Morgen liest er Losung und Lehrtext und als ich ihn darauf anspreche, liest er mir vor und auch noch aus der Bibel den Lesungsabschnitt für den Tag, obwohl er gar nicht wissen konnte, ob mir das recht ist. Mir war es recht und ich muss eingestehen, dass ich den Mut bisher nicht aufgebracht hatte.

Im Verlauf der Woche erfahre ich dann eine Lebensgeschichte. Wie immer, wenn Achtzigjährige erzählen, hat ihre Geschichte ihren Mittelpunkt in den fünfziger Jahren. Was dann noch kam, erscheint nur noch als Nachsatz. Er hat viel Grund, dankbar zu sein. Sechs Kinder hat ihnen Gott geschenkt und zusammen mit Nachbarskindern tobten nicht selten mehr als ein Dutzend Kinder auf ihrem Hof. So gut ging es ihnen damals. Den Kindern geht es heute auch gut. Sie haben studiert, sind in höhere Positionen aufgestiegen und jetten kreuz und quer durch Europa. Von sechs Kindern hat er vier Enkel. Wohlstand und Glück wird in der nächsten Generation offenbar anders verstanden.

Eines Morgens steht für die Bibellese die Geschichte an von dem Blindgeborenen, den Jesus heilt am Wegesrand, damit die Werke Gottes offenbar werden. Resigniert bemerkt mein Nachbar: “Wenn Jesus heute da wäre, könnte er uns auch heilen.” Am Schreibtisch hätte ich schnell einige Antworten gehabt. Jesus ist auch heute da. Er hat doch versprochen: “Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!” Und Jesus heilt auch heute. Er benutzt die Kunst der Ärzte. Und wenn er uns eine Krankheit zum Tode schickt, dann weiß er auch warum. Dann dürfen wir uns auf das ewige Erbe für seine Kinder freuen... Aus dem Krankenhausbett heraus kommen die Antworten nicht mehr so prompt wie am Schreibtisch. Warum soll gerade meine Lebenszeit schon abgelaufen sein? Und im höheren Alter stellt sich offenbar die Frage: Wenn ich bald sterben muss, warum gerade an Leukämie und nach langem Aufenthalt in den Kliniken? Der Glauben sagt: Gott gibt auch heute und er nimmt, damit die Werke des Herrn offenbar werden. Nur fällt es nicht leicht zu erkennen, auf welche Weise die Ehre Gottes in Krankheit, Verfall und Leid offenbar werden.

Am Freitag wird mein “Raumteiler” entlassen. Schon am Nachmittag schieben die Schwestern ein neues zweites Bett in mein Zimmer. Ich bekomme einen neuen Nachbarn. Bei ihm entpuppte sich ein Pickel an der Nase als ein bösartiges Geschwür. Die Hälfte der Nase musste weg. Zwar hat man ihm eine Art Prothese an die Nase gesetzt, aber das ist nur ein schwacher Ersatz. Die Gefühle sind wohl kaum nachzuempfinden, wenn das Gesicht dermaßen entstellt wird. Da ist der Verlust der Haarpracht vergleichsweise leicht zu verschmerzen. Die Nase wächst nicht nach. Was mich noch trauriger macht ist die Tatsache, dass mein neuer Nachbar sich in seiner Not offenbar nicht an seinen Gott klammern kann. Die Ärzte machen ihm wenig Hoffnung. Als nächstes zeigen die Lymphknoten am Hals bösartigen Befall. Bestrahlung, Chemotherapie und ... warten, bis der Krebs siegen wird. Wer weiß hier noch Trost zu spenden?

Montag, 9. August 2010

Knochenmarksstanze

So gut und gesund wie heute habe ich mich lange nicht gefühlt. Die Woche im Allgäu war eine gute Kur. Doch so geht es nicht weiter. Um zehn soll ich in der Klinik sein. Der nächste Block Chemotherapie steht an. Ich weiß schon etwa, was das Ergebnis sein wird. Nach dieser Woche mit einer Kaskade von giftigen Medikamenten werde ich kränklich entlassen werden. Da hilft nur, einen klaren Kopf zu behalten und sich vor Augen zu führen, dass es ja darum geht, den Krebszellen in meinem Blut bzw. im Lymphsystem keine Zeit zu lassen für erneutes Wachstum.

Auf Station eröffnet mir der Arzt, dass als erstes eine Knochenmarksstanze auf dem Programm steht. Der Stationsarzt bringt wieder einen jungen Arzt zum Anlernen mit. Da muss ich mal wieder herhalten als Trainingspatient. Gut, ich will auch diesem Arzt Vertrauen entgegen bringen; oder sollte ich sagen: jemand muss ihm eine Chance geben. Aus dem Beckenkamm wird eine Probe entnommen, die im Labor dann Aufschluss geben wird über den Erfolg der Behandlung. Zum Glück habe ich hinten keine Augen und kann nicht sehen, mit welcher Art von Werkzeugen die beiden Ärzte losstanzen. Nach vollbrachter Arbeit fragt mich der junge Arzt stolz, ob ich das Ergebnis sehen möchte. Nein, das möchte ich nicht. Den Eindruck hebe ich mir auf für den Tag, an dem der letzte Eingriff dieser Art durchgeführt wird.

Auf dem Behandlungsplan für meine Chemotherapie fand sich ein Diagramm, in dem die einzelnen Blöcke der Behandlung aufgelistet waren. Diese Knochenmarksuntersuchung erschien dort zwischen den Blöcken als Weggabelung. Entweder es geht weiter mit den nächsten Blöcken oder das Ergebnis weist den Weg “Therapieversagen”. In diesem Fall hätten die Ärzte kaum noch Möglichkeiten zum Eingreifen, so wurde mir erläutert. Sollte dieser Test unbefriedigende Resultate an den Tag bringen, folgt Palliativmedizin. Dann ginge es nur noch darum, die unaufhaltsam fortschreitende Krankheit mit schmerzlindernden Maßnahmen zu begleiten. Bleibt also auf ein gutes Ergebnis zu hoffen. Das wird allerdings frühestens in einer Woche eintreffen.

Sonntag, 8. August 2010

kurzer Besuch im Allgäu

- nach 10 Wochen konnte ich zum ersten Mal wieder richtig zu Hause in unserer Wohnung im Allgäu sein.
- wir haben eine Woche "Urlaub" genossen.

Samstag, 31. Juli 2010

Oben ohne


Wer Krebs hat zeigt’s durch ein Bandana. Gemeint sind diese Kopftücher, die mit dem entsprechenden Aufdruck versehen auch von Bikern oder Rockern getragen werden. In Verbindung mit Krebs und Chemotherapie bekommen Bandanas einen ganz praktischen Nutzen, denn die Haare fallen aus. Darf alle Welt die Glatze sehen? Frauen bekommen von den Krankenkassen eine Perücke bezahlt. Männer dürfen auf die Gleichberechtigung verzichten und sich im Bandana-Binden üben.
Bei mir wurden vor zwei Wochen schon die Barthaare dünn. Nachdem nur noch die kurzen Stoppeln Standfestigkeit zeigten, griff ich zum Rasierer. Mein Kinn hatte ich die letzten zwanzig Jahre nicht gesehen. Als an der Oberlippe nur noch ausgewählte Barthaare übrig blieben und an gewisse Führungspersönlichkeiten zu erinnern begannen, musste im Krankenhaus auch der Oberlippenbart fallen. Bezüglich der restlichen Kopfbehaarung gab der Arzt einen unzweideutigen Tipp. “Am besten, Sie lassen die Haare gleich schneiden, die fallen sowieso aus.” Das kann man leichter sagen als tun. Sicherlich wusste ich, dass ich mich von meinen Haaren werde trennen müssen. Aber schwer war es doch.
Jetzt zu Hause zeigt sich immer deutlicher das ganze Ausmaß der Verwüstung. Beim Duschen halte ich Büschel von Haaren in der Hand. An Kämmen ist nicht mehr zu denken. Meine Frau klagt, dass überall Haare herumliegen. Da die Kinder eifrig auf dem Bauch den Fußboden erobern, ist diese “Herbststimmung” besonders unerfreulich. “Ich sollte dir die Haare ganz schneiden!” so höre ich dezent und mit einfühlsamer Geduld. Am Ende der Woche bin ich dann so weit. Auch im Spiegel wird sichtbar, was von hinten schon länger klar war: Meine Haarpracht erinnert an ein schlecht gerupftes Huhn. Ich füge mich in das Unausweichliche. Claudia greift zum Rasierer und ... ich brauche ein Bandana.
Zu meiner Überraschung bekomme ich Komplimente für meine neue Frisur. Jünger würde ich aussehen und wie ein Gelehrter. Bisher hatte sich das neue Körpergefühl, von dem in Krebs-Büchern die Rede ist, bei mir hauptsächlich gezeigt, wenn ich mich körperlich anstrengen wollte. Die erschlafften Muskeln bringen mich kaum die Treppe hoch. Jetzt muss ich mich daran gewöhnen, dass ich unter der Dusche nicht mit Haarewaschen beginnen kann. Immerhin ist mein Körper nicht von hässlichen Narben gezeichnet. Ich brauche mich auch nicht daran zu gewöhnen, dass ganze Körperteile amputiert wurden. Da ist er wieder der Trost: andere hat es schlimmer getroffen.
“Ich danke dir Herr, dass ich wunderbar gemacht bin, wunderbar sind deine Werke. Das erkennt meine Seele.” So singt der Psalmsänger und ich habe die Unterrichtskinder angeleitet diesen Lobgesang auf Gottes Schöpferkraft mit zu beten. Im Gedanken weiß ich, dass ich auch jetzt viel Grund habe, Gott zu danken - auch für den wunderbaren Körper, den er mir gegeben hat. Doch meine Seele erkennt auch etwas anderes. Der Körper ist dem Verfall unterworfen. Und es mischen sich die vorwurfsvollen Gedanken ein. Warum jetzt schon? Warum gerade ich?

Montag, 26. Juli 2010

Entlassung - vorläufig

Der Arzt weckt mich aus dem Schlaf. Ich hatte auf die Nachricht gewartet, war aber nach dem Frühstück doch zu müde, um schon meine Tasche zu packen. Ja, die Blutwerte sind passabel. Ich darf nach Hause. Was jetzt noch zu tun ist, erfordert keine medizinischen Fachkenntnisse. Meine Frau kann ihren kranken Mann wieder aufpäppeln bis zur nächsten Chemo. Der Arzt drückt mir den Arztbrief in die Hand und erläutert mir den Terminplan. In der kommenden Woche soll ich zweimal in die Ambulanz kommen, um die Blutwerte kontrollieren zu lassen. Damit am kommenden Wochenende die weißen Blutkörperchen nicht gar zu tief absinken (und das Immunsystem versagt), hat er mir Spritzen verordnet, die ich mir zu Hause selbst spritzen soll (fünf Stück kosten stolze 850,- Euro, wie sich später in der Apotheke herausstellt). Wenn dann in einer Woche die Blutwerte wieder steigen, hätte ich eine ganze Woche Pause und wir könnten einen Abstecher in die Heimat nach Wangen planen.
Diese Nachricht macht mich auf einen Schlag hellwach. Schnell ist die Tasche gepackt und der Nachttisch ausgeräumt. Die Krankenschwester bestellt das Taxi und ich muss in die Ambulanz im Erdgeschoss, um Rezepte abzuholen. Dann kommt auch schon der Taxifahrer und schultert mein Gepäck. Wie ein alter Mann schleiche ich hinter ihm her und versuche Schritt zu halten.

Samstag, 24. Juli 2010

Genug für diesmal

Die Beutel und Flaschen an meinem Infusionsständer kommen und gehen. Ganz regelmäßig hängen die Flaschen mit Kochsalzlösung und sorgen für das nötig Müssen müssen, um die Chemikalien auch wieder auszuscheiden. Andere Beutel sind durch die roten Etiketten gekennzeichnet, die meinen Namen und Geburtsdatum tragen - weitere Substanzen zur Chemotherapie. Selbst auf Anfrage zeigt sich der Stationsarzt wenig geneigt, mir die Wirkung näher zu erläutern. Dem Nicht-Mediziner fehlt das Fachwissen, um die komplizierten Zusammenhänge zu erkennen. “Erstaunliche Wissenschaft!” kann der Laie nur sagen. Die marodierenden Krebszellen sind durch ihr schnelles und unkontrolliertes Wachstum anfälliger als gesunde Körperzellen. Diesen mitunter nur kleinen Unterschied nutzt die Chemotherapie aus. Es werden Gifte in gerade der Dosis verabreicht, die der Körper noch ertragen kann, die den Krebszellen aber den Garaus machen. Kollateralschäden werden in Kauf genommen.

Was macht die Chemotherapie mit dir? So werde ich oft gefragt. Sie macht mich krank. Ich kam mit einiger Energie in das Krankenhaus. Im Hinterkopf hatte ich den Gedanken, ich könnte die Zeit während der endlosen Infusionen nutzen um e-mails zu beantworten und im Internet nachzulesen auf den einschlägigen Seiten über Krebs und Lymphome. Doch es kam anders. Die allererste Spritze enthielt ein Beruhigungsmittel, das eventuelle allergische Reaktionen abmildern soll - mit durchschlagendem Erfolg. Mir zog es die Augen zu und ich bekam von dem Rest des Tages nicht mehr viel mit.

Mit jeder Infusion werden die Lebensgeister brüchiger. Ich muss am Morgen schon mit mir ringen, dass ich aufstehe und über den Gang schleiche zur Dusche, bevor die Schwester mit der ersten Infusion kommt. Ich habe kaum die Kraft, ein paar Seiten zu lesen oder den Fernseher anzuschalten. Gegen Ende der Woche kommt noch Übelkeit hinzu. Zwar wird sofort ein Medikament an meinen Infusionsständer gehängt, das den Brechreiz erfolgreich bekämpft. Das Essen schmeckt trotzdem nicht. Ich kann noch nicht einmal an Essen denken und verbanne alles Essbare aus meinem Nachttisch. Im Krankenhaus wird keiner gesund. Diese Feststellung beschreibt eine Woche stationäre Chemotherapie durchaus zutreffend - zumindest kurzfristig gesehen.

Mittwoch, 21. Juli 2010

Chemotherapie - Zweiter Block

Tropf, tropf, tropf, eine gelbe Flüssigkeit rinnt aus einem Beutel mit rotem Aufkleber am Infusionsständer zur Pumpe. Mittels dieser Apparatur wird mir ein Medikament exakt dosiert auf 24 Stunden verteilt in die Adern gepumpt. Methotrexat heißt der Wirkstoff und ein Arzt erklärte mir, dass die Wirkung mit dem Trick von manchem erfolgreichen Armeegeneral verglichen werden kann. Was taten Strategen, wenn sie merkten, dass ihre eigenen Truppen dem Gegner unterlegen waren und kaum eine Aussicht auf Sieg bestand? Sie stellten sich nicht dem offenen Kampf. Vielmehr versuchten sie die Nachschubwege des Gegners anzugreifen und abzuschneiden. Eine Armee ohne Nachschub wird bald besiegt sein. Als bekanntes Beispiel der jüngeren Geschichte kann die Schlacht um Stalingrad angeführt werden. Auch die Krebszellen brauchen Nachschub um wachsen und ihr böses Spiel treiben zu können. Da sie sich schnell teilen und aktiver sind als andere Körperzellen, werden die entarteten Zellen auch am stärksten durch Mangel an Nahrung beeinträchtigt. Hier setzt das Mittel an. 24 Stunden lang wird dem Blut der Nährstoffgehalt entzogen - so wurde die Wirkung mir als medizinischem Laien erklärt. Die Zellen in den Haaren überleben das nicht lange und die Schleimhäute im Körper leiden unter dieser Art von chemischer Diät. Vor allem aber bekommen die entarteten Zellen derartige Probleme, dass viele nicht überleben. Diese Wirkung ist beabsichtigt. Dass die Haare ausfallen und die Verdauung durcheinander gerät, nimmt man in Kauf. Schließlich geht es um (Über-) Leben oder Tod. Nach 24 Stunden hebt man die Blockade auf. Eine Blutprobe wird entnommen. Später gibt es eine Spritze mit einem Mittel, das meine Frau während der Schwangerschaft genommen hat. Schnell soll Nachschub an Nahrung kommen für die Körperzellen, die überleben dürfen.

Wie lange hält unser Glauben an Gott durch ohne Nachschub? Wer nach der Konfirmation erst zur Jubelkonfirmation wieder nach Gott fragt, wird wohl zu lange gewartet haben. Reicht es jedes Jahr zu Weihnachten an Gott erinnert zu werden? Bei so wenig Nachschub für unseren Glauben entsteht ein Phantasiebild von unserem Schöpfer. Es wächst die Überzeugung von dem lieben Gott, der geduldig zuschaut, wenn seine Geschöpfe ihre eigenen Wege gehen. Sollte etwas schief gehen, lässt dieser Gott sich ebenso geduldig den Vorwurf gefallen: “Gott, wo warst du?” Zerstörerische Krankheiten wie Krebs passen nicht in das Konzept von diesem Gott. Unser Glaube braucht regelmäßig Nachschub und Versorgung. Wer sich jeden Sonntag Zeit nimmt, um auf Gott zu hören und ihn anzubeten, wird mehr erfahren über Gottes Allmacht. Wie oft braucht mein Glaube Nachschub und Gottes Nähe, bis ich erahnen kann, wie tödliche Krankheiten und Leid und Tod auch in sein Konzept passen?

Sonntag, 20. Juni 2010

Um Trost war mir sehr bange (1)

.... in Arbeit ....

Samstag, 19. Juni 2010

Alles über Lymphome

… kann und braucht man als Erkrankter und Angehöriger nicht zu wissen. Doch für den interessierten Leser ein paar Daten und Fakten.

Während Jonas im Krankenhaus mangels WLAN und aufgrund seines schlechten Allgemeinzustandes nicht auf die Suche gehen konnte, machte ich mich kundig.

Ich hatte in eine Suchmaschine die Symptome „Nachtschweiß, Fieber, Gewichtsverlust, Leber“ eingegeben und war dabei sehr schnell darauf gestoßen, dass die Kombination dieser Symptome als sog. B-Symptomatik v.a. bei Krebserkrankungen auftritt. Nur wenige Klicks weiter stieß ich auf den Begriff „Lymphom“ und was ich da las, kam mir bekannt vor.

Ich bat um ein Gespräch mit der Ärztin in Nagold und stellte dieser direkt die Frage: „Hat mein Mann Krebs?“ Als Antwort bekam ich zu hören: „Das würden wir in diesem frühen Stadium der Diagnostik noch nicht so deutlich sagen, aber wenn Sie so direkt fragen: Ja, wir vermuten es.“

Da war sie, die Diagnose - zumindest für mich war sie das. Jonas erzählte ich nichts davon, wollte ihn nicht vor der Zeit verunsichern, auch den Ärzten nicht vorgreifen. Erst 2 Tage später sollte er eine erste Diagnose erhalten, verbunden mit der Verlegung auf die Onkologie nach Sindelfingen zur detaillierten Abklärung.

Doch was ist nun ein Lymphom?

Dieser Sammelbegriff bezeichnet alle Lymphknotenvergrößerungen und Tumore des Lymphgewebes, seien sie gut- oder bösartig.

Bei den bösartigen Lymphomen wird zwischen chronischen und malignen unterschieden.
Während die chronischen Lymphome und Leukämien nur sehr langsam wachsen und mit Medikation gut im Griff zu halten sind, wird unter dem Begriff "maligne Lymphome" eine Gruppe von bösartigen Erkrankungen zusammengefasst, bei denen es zu einer raschen und unkontrollierten Vermehrung von Zellen des lymphatischen Systems kommt. Das lymphatische System dient normalerweise der Abwehr von Krankheitserregern und findet sich in Lymphknoten, aber auch in der Milz, in den Mandeln, im Knochenmark und in vielen anderen Organen. In vielen Fällen ist daher die Schwellung eines Lymphknotens ein typisches sichtbares Zeichen dieser Erkrankung, manchmal können die Erkrankungen aber auch in anderen Organen auftreten.Bei Jonas waren in Leber, Magen und Knochenmark entartete Zellen nachzuweisen, die Lymphknoten waren ohne Befund.

Maligne Lymphome sind keine einheitliche Gruppe von Erkrankungen. Man unterscheidet mindestens 30 Unterarten. Es gibt eine aktuelle Klassifikation der World Health Organization (WHO), die aber ständig erneuert und erweitert wird.

Maligne Lymphome werden in Morbus Hodgkin und Non-Hodgkin-Lymphome unterteilt. Weitere Informationen sind beim Kompetenznetz Maligne Lymphome , dem Comprehensive Cancer Center Ulm , dem Krebsinformationsdienst , Wikipedia und an vielen anderen Stellen im Internet zu finden.

Nach mehreren Untersuchungen war klar, dass Jonas ein aggressives (d.h. hochmalignes) Non-Hodgkin-Lymphom im Stadium IV hat, d.h. das Knochenmark befallen ist. Die genetische Untersuchung der Krebszellen in einem Labor in München ergab als genauere Diagnose eine seltene Mischform von diffus großzelligem B-Zell-Lymphom und dem in unseren Breiten eher seltenen Burkitt-Lymphom.

Der Chefarzt der Onkologie in Sindelfingen meinte, Jonas hätte wohl Weihnachten nicht erlebt, wäre die Diagnose nur etwas später gestellt worden. Auch mit der Chemotherapie dürfe keine weitere Zeit verloren werden, weil sich die bösartigen Zellen mit jedem Tag mehr ausbreiten. Von der ersten entarteten Zelle bis zum Ausbruch im Mai 2010 und dem kritischen Zustand waren nur etwa 18 Monate vergangen, so vermutete der Arzt. - Die gute Nachricht war, dass so aggressive Lymphome gerade wegen ihres schnellen Zellwachstums sehr gut durch eine Chemotherapie zu behandeln sind.

Claudia

Freitag, 18. Juni 2010

Verlegung auf die Onkologie / Hämatologie nach Sifi

Der junge Herr in exakt geschnürten Stiefeln und der Montur des Rotkreuz Rettungsdienstes, der mir im Krankenwagen gegenüber sitzt, entpuppt sich als Berufssoldat. Für seine Ausbildung als Rettungssanitäter in der Bundeswehr, wurde er zum Roten Kreuz geschickt. Ich sitze in einem viel zu kleinen Rollstuhl, der neben die Trage und die vielen medizinischen Geräte in den Wagen gezwängt wurde. Am liebsten würde ich es mir auf der Trage gemütlich machen. Aber ich weiß ja, ein Liegendtransport kostet mindestens das Dreifache. Wenn die Reise schon nach Sindelfingen geht, wäre der Ledersitz eines Taxis mit dem Stern die bequemste Lösung gewesen.
Mein Begleiter vertreibt sich die Langeweile, indem er mich in ein Gespräche verwickelt. Diagnose Krebs, damit kann er nicht viel anfangen. Ob er auch nach Afghanistan in den Einsatz geschickt werden wird, frage ich. Damit ist nach Abschluss seiner Ausbildung zu rechnen. Er erzählt mir, wie in der Truppe motiviert wird und auch, wie wenig die Soldaten in der Gesellschaft geachtet werden. Da soll es linke Gruppierungen geben, die das alte Sprichwort anders verstehen: “Feste feiern, wie sie fallen!” Immer, wenn die Nachricht von gefallenen Soldaten eintrifft, wird feste gefeiert. Was bewegt einen jungen Mann, diesen Dienst anzustreben?
Der Blick durch die schmalen Fensterschlitze verrät, dass wir die Autobahn inzwischen verlassen haben. Es geht noch durch eine Vorortsiedlung und dann hinab wie in die Tiefgarage. Die Krankenhausumgebung hat mich wieder: Notaufnahme, Rolltore, Aufzüge. Auf Station geben sich die Schwestern zunächst überrascht. So schnell hätten sie nicht mit mir gerechnet. Mein Begleiter versucht, ein verbindliches Wort zum Abschied zu finden. “Sie werden ihren Weg schon finden!” Genau, das war das Lebensgefühl Anfang Zwanzig. Ich bin versucht zu denken, dass mein Weg zu Ende geht und dass andere jetzt den Rest bestimmen. Zimmer 107 legt die Krankenschwester fest.

Mittwoch, 16. Juni 2010

Dienstag, 8. Juni 2010

In der Notaufnahme - die Station der Deplatzierten

Drei Betten, drei Männer um die 50, drei Schicksale wurden zusammen gesteckt in ein Zimmer der Notaufnahme. Wir reden nicht viel miteinander. Jeder versucht sich mit der neuen Situation irgendwie zurecht zu finden und keiner fühlt sich hier wirklich am rechten Platz. Der Herr am Fenster war gerade damit beschäftigt, das Büro seiner Firma in ein größeres Gebäude umzuziehen. Das klingt nach Erfolg. Doch in der Hektik bekam er Durchfall und dann einen Kreislaufzusammenbruch. Jetzt sitzt er auf seinem Bett und schaut zum Fenster hinaus. Vermutlich sortiert er in Gedanken seine Aktenschränke oder geht seine Kundenlisten durch. Die Ärzte werden seinem Kreislauf bald wieder auf die Sprünge helfen. Vielleicht genießt er die Auszeit sogar.

In der Nacht räumen die Schwestern High-Tech Apparaturen an das mittlere Bett. Ein etwas beleibter Herr zieht ein. Ein Stechen in der Brust und Atemnot haben ihn in die Notaufnahme gebracht. Doch es war kein Herzinfarkt - noch nicht. Der Kreislauf muss beobachtet werden. Am nächsten Morgen wird sein Handy nicht kalt. Irgendwo sitzt sein Sohn am Computer und bekommt e-mails diktiert. Jemand anderes muss Telefonnummern heraussuchen. Termine werden geändert und Absprachen getroffen. Es wird ja bald weiter gehen, das normale Leben. Da lässt man sich durch so einen Zwischenfall nicht aus der Bahn werfen. Schließlich wird es doch nichts mit der schnellen Entlassung. Er wird verlegt in ein anderes Krankenhaus. Da ist wohl doch eine OP fällig.

Und was ist mit mir? Ich greife auch zum Handy und sage erstmal den Englisch-Unterricht für nächste Woche ab. Auch der Gottesdienst in München muss wohl abgesagt werden. Warum konnte dieser dumme Virus, oder was immer den Grund der Krankheit ausmacht, nicht wenigstens noch die eine Woche warten. In Gedanken bin ich bei den Vorlesungen in der Ukraine. Danach wäre ja eher Zeit gewesen für eine Heilbehandlung. Wenn das Leben so schön läuft, muss man doch nicht in der Notaufnahme die Zeit absitzen.

Bei der Visite blättert der Arzt durch meine noch dünne Akte und besieht sich die Daten. Gedankenversunken wippt er auf den Zehenspitzen und sagt nichts. Morgen wird mit einer Reihe Untersuchungen begonnen. Später erfahre ich, dass ein Blutwert, der normal bei 150 bis 250 liegen soll, bereits auf über 3000 gestiegen war. Das deutet auf einen extrem überhitzten Stoffwechsel hin. Ob dem Arzt schon klar war, dass dies als Anzeichen für marodierende Krebszellen zu werten ist?

Ein älterer Herr bezieht das mittlere Bett. Er kann seit Tagen nichts mehr essen. Gerade noch verhandelt er mit dem Arzt, ob er seine Unterschrift unter die Risikobelehrung für eine Magenspiegelung setzt. Eigentlich wollte er sich solchen Unannehmlichkeiten nicht aussetzen. Dann kommen die Ergebnisse vom CT. Eine Notoperation ist angesagt, die einen Darmverschluss beheben muss. Hektisch wird er auf die OP vorbereitet. Zwischendurch kommt über die Lautsprecheranlagen die Durchsage “Nordpol Zi 271!”. Die Ärzte und Schwestern lassen alles stehen und liegen und stürmen los. Später erzählt man sich auf Station, dass die Hilfe zu spät kam. Ein Patient konnte nicht reanimiert werden. Die Familie war gerade zu Besuch gewesen. Im Krankenhaus kommen sich Tod und Leben näher als sonst.

Samstag, 5. Juni 2010

Krankenhaus aus der Bett-Perspektive

Die Abflüge werden auf dem Airport in Lemberg tatsächlich mit Blechschildern ausgehängt. Den Flug mit Carpat Air gibt es. Auf dem Check-in Schalter steht kein Computer. Eine nette Dame sucht meinen Namen in einer ausgedruckten Liste, macht einen Haken und schreibt meine Bordkarte per Hand. Mein Gepäck wandert im nächsten Raum durch die Röntgenmaschine und ich nehme es selbst wieder in Empfang (!) um es durch die Halle an eine Luke in der Wand zu bringen, durch die es ein Angestellter auf den draußen abgestellten Gepäckwagen wuchtet. So beschaulich kann ein internationaler Flughafen sein.

Die Propeller an zwei Rolls Royce Motoren machen genügend Wind um die kleine Maschine in den morgendlichen Himmel zu heben. Es geht über eine Puszta-Landschaft zunächst nach Südwesten. In Timisoara wartet der Anschlussflug nach Stuttgart - ebenfalls eine kleine Propeller-Maschine. Die niedrige Flughöhe lässt die Landschaft genießen. Eigentlich könnte es ein schöner Flug sein, wenn da nicht das Fieber und die Gliederschmerzen wären und die beunruhigenden Gedanken, dass es sich wohl doch um Schlimmeres als nur eine Grippe handelt.

Nach der pünktlichen Landung in Stuttgart hört die Beschaulichkeit auf. An der Passkontrolle warten gefühlte 500 Leute vor mir. Das kann dauern. Als ich endlich durch bin, wird der Carpat-Air Flug schon gar nicht mehr angezeigt an den Gepäckbändern. Meinen Koffer bekomme ich doch noch und draußen erwartet mich Claudia mit den Kindern. Süß: sie haben beide eine Rose in der Hand um den kranken Papa willkommen zu heißen. Doch die heiße Sonne hat die Rosen schon geknickt und sie sehen so krank aus wie ich. Wir fahren zu meinen Schwiegerelten.

Die Servicespalte des Schwarzwälder Boten weist einen Orthopäden als Notarzt aus für dieses Wochenende. Meine Schwiegermutter winkt ab. Zu dem braucht ihr nicht zu gehen. Morgen hat ihre Hausärztin den Notdienst. Die würde sie empfehlen. Da ich ohnehin mit stationärer Behandlung meiner vermeintlichen Lungenentzündung rechne, gehe ich doch zum Orthopäden - wegen der Einweisung in das Krankenhaus. Mit Stolz zeigt er mir, dass er die kyrillischen Buchstaben auf den Medikamenten entziffern kann, die man mir mitgegeben hat. Beim Abhören meiner Lunge findet er nichts Konkretes. Dann verabschiedet sich der Arzt von der Schulmedizin und bittet mich auf seiner Liege Platz zu nehmen. Ich soll mein Knie anwinkeln und er drückt dagegen und stellt mir - oder meinem Knie einige Fragen. Anhand der Körperspannung will er die Wahrheit herausfinden. Einen Finger auf den Lungenpunkt - und “ja” ich habe eine Lungenentzündung. Dann nimmt er eine Kapsel des ukrainischen Antibiotikums und raspelt mit seinem Schweizer Taschenmesser ein paar Krümel der Außenhülle auf meine Zunge. Mein Knie bzw. meine Körperspannung soll die nächste Frage beantworten. Ja, das Mittel wirkt. “Der Körper weiß mehr!” lautet seine Devise. Da hätte ich auch in der Ukraine zu einer Kräuterfrau gehen können - denke ich mir so - die hätte mir noch ein paar Tees oder warme Umschläge verordnet. Vorsichtig frage ich nach der Möglichkeit, in das Krankenhaus eingewiesen zu werden. “Das geht auch”, meint er und mit dem Überweisungsschein geht es zur Klinik in Nagold.

Hier hat mich die Schulmedizin wieder mit der Routine der Notaufnahme, EKG, Blutabnahme, Fiebermessen, Röntgen. Ergebnis: Die behandelnde Ärztin konnte auf der Röntgenaufnahme nichts dramatisches erkennen, wird mir ein Antibiotikum verordnen und mich nach Hause schicken. Doch sie will zunächst die Laborergebnisse meiner Blutwerte abwarten. Dann kommt sie mit bedenklicher Miene. Einige Blutwerte liegen so schief, dass sie mich nicht gehen lassen kann.
Nachdem ich meine Tasche in den Schrank platziert und mein Bett belegt habe, spüre ich kein Entsetzen, plötzlich im Krankenhaus gelandet zu sein. Vielmehr macht sich sogar Erleichterung breit. Vielleicht stimmt es ja: “Der Körper weiß mehr!” Tief drin weiß mein Körper wohl schon, dass es hier nicht um eine Infektion geht oder eine Lungenentzündung. Aber meine Gedanken wollen das nicht wahr haben.

Krankenhauszimmer habe ich oft betreten für Besuche und in den letzten Jahren als Taxifahrer, wenn ich Patienten abholen musste. Doch jetzt liege ich hier und starre an die Decke. Das hatte ich das letzte Mal vor vier Jahrzehnten.